1. Adventsgeschichte

Vorweihnachtszeit im September

Copyright Uwe Brandl Nov 17  Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg

Was ist diese Geschäftemacherei doch widerlich. Immer das gleiche! Kaum sind die Osterhasen aus den Verkaufsregalen verschwunden, schon stehen die Nikoläuse, neuerdings sogar Nikoläusinnen an gleicher Stelle Schlange um von den Konsum wütigen Käufern in die Einkaufswägen geladen zu werden. Das ganze Jahr ein einziges Verkaufsevent, und die christlichen Symbole verkommen zu schokoladenen Kassenschlagern.

Elwira Meier, die pensionierte Kontoristin stand vor dem Regal im Supermarkt, in dem sich eine Legion verschiedenster Weihnachtsmänner und natürlich Weihnachts- Frauen in preußisch militärischer Ordnung den kaufwütigen Kunden präsentierten. Es war Ende September.

Jetzt schmecken die doch am besten oder? nickte ihr Frau Bollermann, ihre Nachbarin zu und packte einen Knisper Niklas, fünf Schokolebkuchenpakete, zehn Schokoglocken, fünf Marzipanzapfen in ihren  Korb. Stopp, dich nehm ich auch noch mit. Sie lud eine Mini berockte Schoko Nikola zu den anderen vorweihnachtlichen Köstlichkeiten.

Man sollte schon mit der Zeit gehen meint meine Schwiegertochter … zuckte sie entschuldigend mit den Achseln.

Wenn sie meinen, kommentierte Elwira und verdrehte die Augen.

Was gucken sie denn so, ätzte die Bollermann, der der scheele Blick nicht entgangen war.

Meinen sie nicht, dass man den Gender Wahn auch übertreiben kann?  Eine Nikoläusin in kurzem Kleid, finden sie das nicht … abartig?

Oh die Frau Meier, wieder mal  spiessig sexistisch unterwegs. Ist bei ihnen die Emanzipation immer noch nicht angekommen, blaffte die Bollermann.

Ach lassen sie mich doch in Ruhe mit dem Geschwafel und packen sie noch mehr von dem ungesunden Mist in ihre Einkaufskörbin murrte Elwira zurück.

Einkaufskorb Frau Nachbarin, der Einkaufskorb korrigierte die Bollermann wütend.

Ah ja, und wo bleibt da bitte die Emanzipation. Wenn schon Nikoläusin dann konsequent bitte Einkaufskörbin, Luftpumper, Damen Fahrradsitzin … Frau Meier hatte sich in Rage geredet.

Das wird mir jetzt doch zu blöd! Die Bollemann zog angegrätzt ab.

Schöne Vorweihnachtzeit noch Frau Nachbarin, und vergessen sie nicht ab dem 27 Dezember Osterhäsinnen für ihre Lieben zu kaufen, die gibts da bestimmt schon in der pre season sale Aktion, säuselte Elwira süffisant.

Lecken sie mich doch … sie alte verschrobene Jungfer, ätzte die Bollemann zurück.

Verzichte, aber danke sehr für das nette Vorweihnachtsangebot schloss Elwira die Unterhaltung und wendete sich ab.

Am Ende des Regals waren Kerzen in unterschiedlicher Größe und Farbe drapiert. Moos und Fichtenzweige lagen auch dort. Elwira schüttelte den Kopf. Ende September, die haben doch einen Knall. Aber aus irgend einem Grund zogen sie die Kerzen magisch an. Und ehe sie sich versah lag eine Packung mit vier teueren, gelben Bienenwachskerzen ihn ihrem Einkaufskorb. Kerzen gehen immer … hat prinzipiell gar nichts mit Weihnachten zu tun … hämmerte es in Elwiras Unterbewusstsein.

Warum sie die Kerzen dann letztlich doch erst zum ersten Adventssonntag auf den selbst gebastelten Adventskranz gesteckt hatte wusste sie nicht. Aber  sie erinnerte sich an den Einkaufstag im September und die Begegnung mit der Bollermann zurück. Die beiden waren sich seit diesem Treffen sichtlich aus dem Weg gegangen. Elwira dachte kurz nach und griff zum Telefon.

Bollermann klang eine miesepetrige Stimme aus dem Hörer.

Meier, schön dass ich sie erreiche Frau Bollermann. Ich … ich wollte sie fragen, ob sie mir heute nicht beim Kaffee Gesellschaft leisten möchten. Es ist doch erster Advent und wir sind schon so lange Nachbarn. Ich habe auch extra Apfelstrudel gebacken.

Echt? Die Bollermann zögerte. Na ja, mein Mann ist beim Fussball und meine Tochter mit den Kindern beim Baden … ich bring selbst gemachte Plätzchen mit. Ist um drei recht?

Passt prima, ich freu mich. Elwira legte auf.

Das ist ja mal was ganz anderes Frau Nachbarin. Die Bollermannsche hatte sich schon das dritte Stück Apfelstrudel einverleibt. Kann ich das Rezept?

Klar, ist von meiner Mama. Den hab’s immer nur im Advent, als ganz besondere Süssspeise.

Wie meine Plätzchen … da ist das Rezept von meiner Großmutter, und die hat Stein und Bein geschworen, dass die nicht schmecken, wenn sie nicht in der Woche vor dem ersten Advent gebacken werden. Daran halt ich mich bis heute … sogar meine Tochter tut das, obschon es die ansonsten nicht so mit Weihnachten hat, überlegte die Bollermann.

Wir kennen uns jetzt schon fast 40 Jahre nicht wahr? Ich würde ihnen gerne das Du anbieten, wen sie möchten. Elwira reichte der Nachbarin die Hand. Sehr gerne … Paula … verdutzt schlug die Bollermann ein.

Die Sache im Supermarkt damals, Elwira stockte, ich muss. mich entschuldigen … jeder nach seiner Fasson. Es geht mich nicht das geringste ein, wann du was  einkaufst. Tut mir leid Paula.

Schon recht, mir auch und überhaupt … sie zögerte … du hast schon Recht gehabt von wegen Kommerz und Gender Wahn … krieg ich noch ein Stück von deiner Apfelstrudelin, bitte?

Klar grinste Elwira.

An diesem Nachmittag, der noch bis in den späten Abend dauerte entstand eine Freundschaft, die das ganze Leben hielt. Und das hatte für beide Frauen nicht nur Angenehmes in petto. Auch am vierten Advent waren die beiden verabredet und genossen den gemeinsamen Kaffee und den herrlichen Duft der Bienenwachskerzen und des Fichtenkranzes, den Elwira hübsch dekoriert hatte. Viel hatten sie sich zu erzählen. Und die neu entstanden Nähe zueinander empfanden beide als besonderes Geschenk.

Seht ihr flüsterte die vierte Kerze … ab und an ist es doch ganz gut, dass wir so früh zu haben sind. Typisch Optimist, du heisst ja nicht umsonst Hoffnung grinste die zweite, die Glaube genannt wurde. Ist doch schön, dass die beiden sich versöhnt haben meinte die erste, die Friede genannt wird. Am schönsten finde ich, dass die beiden, obwohl sie so unterschiedlich sind sich wirklich mögen ergänzte die dritte mit Namen Liebe und warf den aufgeregt tuschelnden Frauen einen goldgelb und strahlend duftenden Handkuss zu.

Heute rirchen deine Lichter aber ganz besonders, unterbrach Paula die Konversation und blickte versonnen in die Lichtkegel. Fast war den beiden Frauen als zwinkerten ihnen die Adventskerzen freundlich zu.