15. Adventsgeschichte

Teure Tradition

Copyright Uwe Brandl Nov 17  Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg       

Es war kurz nach dem zweiten Advent. Obschon der Klimawandel seit ein paar Jahren für grüne Weihnachten sorgte, hatte es heuer geschneit. Eine gut 15 cm dicke Schneeschicht lag über dem östlichen Bayerwald und der Böhmische blies klirrend über die verzuckerten Kuppen.

Es war früh am Morgen. Egon Bauer, Gemischtwarenhändler und seit vier Jahren Bürgermeister des kleinen verschlafenen Orts, räumte die Obstkisten vor den Laden. Genüsslich sog er die Schnee schwangere Luft ein.

Morgen Egon, heit kriagn mia no a gscheide Ladung. Der Ranzner Sepp deutete auf den grau verhangenen Himmel.

Da frein sie unsre Liftler. De letzten Jahr warn ja bloß no beschissn. I hob moing den ersten Schikurs. A vierte Klass von der  Grundschul aus Fürstenstoa.

Des is echt schee für di, Sepp. Du, …  weilst grod do bist. … Derf i di kurz stören, nahm der Egon seinen alten Schulfreund zur Seite.

Freilich du immer, was gibts?

Der Bürgermeister legte dem Sepp den Arm um die Schulter und redete heftig gestikulierend auf ihn ein. Die Rosemarie, seine Frau beobachtete die Szene kopfschüttelnd.

Männergeheimnisse, murmelte sie. Und gscheid gestunken hat’s ihr, dass sie ums Verrecken nicht hören konnte, was die beiden da besprachen, obwohl sie sich doch so angestrengt hatte.

Wos baldowern der Buagamoasta und da Förster scho wieda mitnand aus, fragte die Hallhuberin und legte ihre Einkäufe auf das Kassenband. Geht´s eppa scho wieder um des Windradl, des da Egon auf Deifl komm raus am Mitterbühl baun mecht? Ha?

Die Rosemarie zuckte mit den Schultern. Mit mir red der Egon über de Gmoa Sachen nix. Die Familie hot mim Gschäft gnua am Gnack. Da muas i eich ned a no mit Politik belasten. Des geht ned zamm, sagt er immer.

Die Hallhuberin kniff die Augen zusammen. Sie glaubte der Bauerin kein Wort.

Kannst eam glei songn. Do geht gar nix. Des konn er vergessen, weil die Wies unterhalb vom Mitterbühl, de ghört uns. Und da kummt a Welness Hotel hi. Aus! Des lassen mir uns mit so am bledn Windradl ned versaun, krätzte die Hallhubersche, packe ihre sieben Zwetschgen und dampfte mit einem schnippischen „Pfiat enk“ am Egon vorbei aus dem Laden.

Wos hot denn die Kreszenz scho wieda, drehte der sich zu seiner Frau um.

I sog blos Windradl, gab die seufzend zurück. Egon winkte nur ab und wandte sich wieder seinem Freund Sepp zu. Oiso, ausgmacht?

Geht scho in Ordnung Egon, is doch klar, grinste der, klopfte ihm freundlich auf die Schulter und steckte die vierzig Euro, die ihm der Bürgermeister verstohlen zugesteckt hatte in die Außentasche seiner dicken Jagd Hose.

Rosi, packst du bitte dem Sepp zwoa Brezn, drei Semmeln, a Scheibe Leberkäs und zwoa Buttercroissants ei? Geht aufs Haus.

Wennst moanst. So wichtig, ha?

Scho, grinste der Ranzner Sepp. Traditionen müssen schon erhalten bleiben. … Oiso dann … scheene Adventszeit no … und du Egon, pass auf gell, verabschiedete er sich von seinem Freund und zog mit dem geschenkten Frühstückspackerl ab.

Was war jetz des, fragte die Rosi ihren Mann.

Passt scho ois, Spatzl. Wann kummt den die Julia heit vo da Schul?

Um fünfe. Heut hat’s Nachmittag Unterricht, warum fragst? Woast as doch.

Blos so.

Julia, ihre Tochter war zwölf. Sie ging auf das Nepomuk Gymnasium nach Passau und befand sich grade in der praepubertären Phase, in den Eltern, allzumal Väter generell als mega blöd einklassifiziert werden.

Als Egon Bauer seine Tochter nach dem Abendessen bat, ihm ins Arbeitszimmer zu folgen, verdrehte die nur die Augen.

Was is na, in der Schul is ois easy. Was gibt´s denn so Wichtiges, fragte sie genervt.

I hab einfach was mit dir zum redn. Wegen Weihnachten. Jetz zick ned rum. Is a Überraschung.

Aha, bemerkte die Tochter nur knapp.

Überraschungen waren natürlich was Anderes … vielleicht hatte ihr Alter ja endlich eingesehen, dass sie doch ein neues iphone brauchte. Ihr aktuelles hatte schließlich schon fast eineinhalb Jahre auf dem Buckel.

Was gibt´s Paps? Julia fletzte sich auf die Ottomane, ein altes Erbstück, das im Arbeitszimmer den kurzen Nickerchen des Vaters gute Dienste leistete.

Es ist doch bald Weihnachten.

Ja, und.

Da braucht’s doch einen Weihnachtsbaum und den, den werden wir beide heuer besorgen. Und zwar so … Egon machte eine wegnehmende Geste … so, wie es in unserer Familie halt der Brauch ist.

Wos soll jetz der Scheiss … den kauf mer doch wie jedes Jahr beim OBI, Julia war sichtlich angepisst und drauf und dran das väterliche Gespräch zu beenden.

Von wegen … wir, also wir zwei werden unseren Christbaum … so besorgen, wie die Bauers ihre Christbäume seit Generationen besorgt haben, bekräftigte Egon verschwörerisch.

Du meinst … Julia stockte ungläubig … du meinst wir klauen unseren Baum. Spinnst du? Das is doch strafbar. Waldfrevel oder wie das heißt. Wenn des aufkommt bist du als Bürgermeister erledigt und des Gspött vo de Leid, … des geht gar ned.

Oiso erstens, ist des kein Frevel, sondern Familientradition, und die verpflichtet. Ich erwart, dass du später deine Kinder einmal genauso einweihst, wie ich dich jetzt einweihe. I war bei meim ersten Mal auch 12.

Und zweitens: Auffliegen tun wir nur, wenn´s uns erwischen.

Am Freitag Nacht sogt der Wetterbericht a richtiges Schneegestöber voraus. Da geht koa Sau vor die Tür und Spuren sind nach a paar Minuten in der weißen Pracht beerdigt.

So a frischer Baum ist was Schönes sag ich dir, und wenn er noch dazu nix kost macht er doppelt Freude. I woas a scho ganz genau wo wir einen schönen finden. A Blautanne, grad gwachsen, so richtig gemacht für unser Stuben. Da Mama sagst nix, sonst kriang ma bloss Stress.

Julia nickte mit roten Backen. Das Fieber des Unerlaubten hatte sie infiziert.

OK, ausgmacht, Papa, aber bloß weil´ s die Tradition so will, gell?

Die restliche Woche zog sich. Rosi war aufgefallen, wie sich Vater und Tochter verschwörerisch Blicke zuwarfen und auch sonst einen ungewöhnlich entspannten Umgang miteinander pflegten. Vielleicht war das dem Geist der Weihnacht zu verdanken? Egal, jedenfalls war es angenehm.

Da haben die Wetterfrösche ja eine Punktlandung hingezaubert. Julia warf ihren Rucksack in die Ecke. Der Bus hat heut eine ganze halbe Stunde länger gebraucht, weil´ so runterhaut. Sie kniete sich auf die Eckbank, stützte ihren Kopf in die Hände und verfolgte das lustige Treiben der dicken Schneeflocken durch die Scheibe.

Wann kommt Papa?

Der ist noch im Geschäft. Um vier hat er noch Gemeinderatssitzung. Gegen sechs hat er gemeint. Warum fragst du?

Nur so, er hat mir versprochen, dass wir heute eine Schneewanderung machen.

Ah ha … bemerkte Rosemarie verwundert. Was ist denn mit den beiden passiert?

Kurz vor sechs hörte Julia die Haustür. Aufgeregt lief sie nach unten.

Hi Paps. Alles ok?

Klar. Bei dir? Lass uns einen Happen essen und dann geht´s los.

Super, ich hab schon mal unsere Stirnlampen auf Vordermann gebracht und meine Skisachen rausgelegt. Draußen schneit es ja wie verrückt. Ich freu mich echt. Julia war aufgeregt.

Ich mich auch. Aber es wird ganz schön anstrengend. Schätze wir sind erst gegen elf halb zwölf wieder zurück.

Mit dem schönsten Baum, den unser Dorf je gesehen hat … freute sich Julia.

… und dem Billigsten, zwinkerte ihr Papa zu.

Nach dem Abendbrot packten sie sich warm ein, zogen die dicken Mützen tief ins Gesicht und stapften hinaus in die unwirtliche Dunkelheit. Rosi stand in der offenen Tür und schaute den beiden nach, bis sie vom grauen Schneetreiben verschluckt waren. Sie staunte wie groß ihre Tochter war. Da fehlte nur eine Handbreit und sie hatte ihren Vater mit seinen 1.80 m eingeholt. Bald war die Kindheit vorbei …, sinnierte Rosi. Sie freute sich, dass die beiden offenbar einen Draht zueinander gefunden hatten, auch wenn sie die Geheimniskrämerei fuxte,

Hast du kein Werkzeug? fragte Julia?

Jetz geh, meinst daran hab ich nicht gedacht? Egon deutete auf den Holzschuppen, der am Ende der Weggabelung lag. Ein kleiner, in die Jahre gekommener Heuschober, der nicht mehr benutzt wurde. Er zog den olivfarbenen Rucksack aus dem Versteck, klopfte den Schnee ab und schulterte ihn. Es war kalt und der Boden knirschte unter ihren Schritten. Sie unterhielten sich ausgelassen.

Nach einer knappen Stunde hatten sie den Waldsaum erreicht und nach weiteren 15 Minuten eine kleine Schonung. Der Niederschlag hatte etwas nachgelassen. Jetzt sollten wir leise sein, flüsterte der Vater. Sie lauschten angestrengt in die Nacht. Der Wind bog die Äste und blies feine Schneewehen von den Kronen der mächtigen Fichten und Tannen. Es knackte und ächzte im Holz. Julia schauerte.

Dort! Egon Bauer deutete auf einen schön gewachsenen, etwa 2.50 m hohen Baum, der über und über mit Schnee bedeckt war. Nur die gerade Spitze schimmerte bläulich durch das flockige Weiß. Sie stapften hinüber. Julia half ihrem Vater den Rucksack abzunehmen. Er zog eine robuste und scharfe Handsäge aus dem Inneren. Dann ging es schnell. Egon packte den Baum, rüttelte den Schnee ab und Ritsch Ratsch, mit ein paar kräftigen Schnitten war die Blautanne von ihrem Wurzelstock befreit.

Ja da legst dich nieder, der Herr Bürgermeister mit seiner sauberen Tochter …

Julia schrie erschrocken auf und ihrem Vater glitt vor Überraschung die Säge aus der Hand. Das Licht eines starken Handscheinwerfers blendete sie. Der Hallhuber Sebastian hatte sich vor ihnen aufgebaut, den Zwilling mit geknicktem Lauf geschultert.

Hob i mir doch denkt, dass mei Pirsch heit ned umsonst is. San ja ideale Bedingungen zum Christbaumbsorgn … gell Bauer?

Wos willst den überhaupt von mir … ist doch der Staatsforst … hast dir den vielleicht zwischenzeitig auch untern Nagel grissen Hallhuber? fragte der Bauer Egon gereizt. Schließlich hatte er seinen Freund Sepp doch nicht umsonst eingeweiht und ihm für den mickrigen Baum schwarz 40 Euro zugesteckt. Er war doch nicht blöd. Das Risiko beim Baumdätschn erwischt zu werden wäre er nie eingegangen. Klar wollte er der Tochter imponieren, aber nur mit Netz und doppeltem Boden.

Do brennst di Burggamoasta. De Schonung vom Staatsforst is 250 Meter weider do. Der Hallhuber deutete nach Westen. Des da is mei Jagd, des san meine Bam und …

und wos …

…  und … des werd deier.

Julia war wie gelähmt. Papa, wern mia jetz einsperrt?

Bist echt a Hallodri Bauer, aber gstohln hast es ja nicht. Eier Familie hot ja fast an ganzen Woid aufm Gwissn, wos ma sie so erzählt … Aber de eigene Tochter zum Klauen anzustiften, schämst dich jetz gar nicht? Ha?

Geh weida Wast, wenga so am Bam, da wern ma uns doch einigen kenna oder?

Konnten sie. Nach fast einer Stund Palaver, einer halb erfrorenen Julia und dem feierlichen Schwur auf Ehr und Gwissn kein Wort über den Vorfall zu verlieren war der Handel besiegelt, und die Familie Bauer um einen sau teuren Weihnachtsbaum reicher.

Der Hallhuber war ein harter Brocken. A niederbayrischer sturer Großbauer hoit.

Jedenfalls, solang der Egon Bauer Buagamoast war durfte sich die örtliche Jagdgenossenschaft bei ihrer Weihnachtsfeier jährlich über 50 Liter Bier und einen Fuffi als Spende freuen.

Die Ehre das Fassl abwechselnd anzuzapfen ließen sich der Egon und der Wast nicht nehmen.

Das Windradl drehte sich zwoa Jahr nach dem Vorfall auf dem Hangbuckel und drei Jahr später nahm das vier Sterne Hotel zum Mitterbühl seinen Betrieb auf.

Der Ranzner Sepp hat sich vor Lachen fast in die Hosen bieselt, wie ihm der Egon den Vorfall gebeichtet hat. Saudeier dei scheiss Tradition, echt grinste er. So deier, dass damit ois zahlt is, was die Bauers seit Generationen aus unserem Woid grammt ham … ja i varreck, hot er glacht und sich gar nicht mehr eingekriegt.

Des is jetz 20 Jahre her. Und wenn die Julia, die inzwischen verheiratet is am Heiligen Abend die Wachskerzen an ihrem Baum anzündet, dann zwinkert sie ihrem Papa verschwörerisch zu. De selber geholten Bäum san doch de schenstn … oder Papa?

Jedes Jahr des selbe, diese Kruzitürken, schimpfte der Hallhuber Wast, als er die frische Schnittstelle untersuchte, mit der eine wunderschöne Blautanne vom Leben im Wald zum Christbaum befördert worden war.