16. Adventsgeschichte

Godefin hilft aus

Copyright Uwe Brandl Nov 17 Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg

Godefin, Godefin, wo treibst du dich den herum?

Hier bin ich Mama, in der Werkstatt.

Hätte ich mir denken können. Mit einem kratzenden Knirschen gab die schwere Eichentür nach. Qualm drang durch die Höhlengänge. Edwina musste husten.

Was in aller Welt der Zwerge und Gnome machst du schon wieder. Ich danke unseren Vorvätern, dass wir ein steinernes Zuhause haben. Wenn ich an die schöne Eichenbaum Villa von Cousine Asneda denke, die hätten du und dein Vater längst abgefackelt.

Mama schimpf nicht! Godefin drehte seinen großen Schädel in dessen Mitte ein überdimensionales Riechorgan spitz in den Raum ragte zur Tür. Sein Zwergen Gesicht war über und über mit Ruß verschmiert und in seinen smaragdfarbenen Augen loderte das Feuer des wissbegierigen Alchemisten.

Auf dem Arbeitstisch standen allerlei wundersame Gefäße und Kolben in denen Flüssigkeiten in den abenteuerlichsten Farben waberten. Es brodelte, dampfte, zischte und gurgelte und über allem schwebte grauer Rauch, der sich aus den Ritzen des uralten Steinofens zwängte. Das Ding mühte sich redlich den großen Raum leidlich zu erwärmen, den Ur Ur Urgroßvater Cedwin, ein eingewanderter Zwerg aus Irland, vor Jahrhunderten mit eigenen Händen aus dem Fels geschlagen hatte um sich hier tief unter der Erde ein Laboratorium einzurichten.

Ich weiß, die Abzüge sind schon wieder verstopft. Ich werde sie gleich morgen …

Morgen mein Lieber, unterbrach ihn Mama Edwina. Morgen bist du am Nordpol. Sie brauchen dich in der Weihnachtsstadt. Onkel Harned hat eine Depesche geschickt. In der Weihnachtsstadt geht es drunter und drüber. Die Wichtel und Elfen, Trolle und Gnome kommen mit der Arbeit nicht nach. Der Weihnachtsmann hat seine Vorarbeiter gebeten zusätzliche Arbeitskräfte anzuheuern.

Ach Mama, nicht schon wieder. Ich hab doch schon letztes Jahr ausgeholfen. Ganze sechs Wochen musste ich in der Fabrik Kohle schippen. Der Troll dem ich zugeteilt war, war ein faules Stück, einmal ist er sogar während der Schicht eingepennt. Die Fabrik wäre beinah eingefroren.

Ja und genau deshalb, weil du so besonders fleißig und zuverlässig warst, hat der Weihnachtsmann eigens um deine neuerliche Hilfe gebeten, wie Harned schreibt. Du sollst diesmal in den Werkstätten eingesetzt werde.

Wenigstens ein Lichtblick, murrte Godefin.

Du solltest zusammenpacken. Wie ich Harned kenne wirst du noch heute abgeholt. Kaum hatte Edwina den Satz beendet schellte schon die Glocke. Und tatsächlich vor dem Eingang stand Kustros, der alte Hauself mit einem Rentierschlitten.

Taxi zum Nordpol gefällig Master Godefin? grinste Kustros den Zwerg an, der nur einen halben Kopf größer war als er selbst und entblößte dabei eine überdimensionale Zahnlücke.

Komm rein und trink ein Glas Bergwasser. Wird dir gut tun nach der langen Fahrt, lud ihn Edwina freundlich ein. Der Elf ließ sich das nicht zweimal sagen, denn das Bergwasser der Zwerge hatte die Eigenschaft so zu schmecken, wie der es sich wünschte, der davon trank. Er wusste genau …

Eine halbe Stunde später saß Godefin neben Kustros auf dem Kutschbock. Eingepackt in dicke Fellmäntel und Decken jagten sie durch den eiskalten Winterhimmel Richtung Nordpol. Der Elf grölte aus voller Brust alte irische Lieder.

Sag mal, hat du was getrunken? fragte Godefin.

Nur euer herrliches Bergwasser grinste der Elf und trällerte den nächsten Song.

Ihr könnt es einfach nicht lassen was, versoffenes Pack. Godefin beugte sich zu Kustros und schnupperte. Eindeutig! Irischer Wiskey.

Dullamore Dew finest cask, grölte Kustros vergnügt. Das lass ich mir doch nicht entgehen.

Bloß gut, dass bei den Firmenfahrzeugen des Weihnachtsstadtimperiums das autonome Fahren längst Realität ist, dachte Godefin und schloss die Augen um sich bis zu seiner Ankunft noch ein wenig zu erholen.

Onkel Harned begrüßte ihn herzlich. Nach dem Abendbrot wurde Godefin von seinen fünf Cousins und Cousinen bedrängt mit ihnen zu spielen. Wie alle Zwerge konnte er passabel zaubern und bald juchzten in dem kleinen Wohnzimmer fast zwanzig Heranwachsende aus der Nachbarschaft, denen der Gnom Weihnachtskugeln aus den Ohren pulte oder Münzen aus den Nasen zog. Das waren die beliebtesten seiner Tricks.

Schluss jetzt, ermahnte Harned. Ab ins Bett morgen geht es früh los. Gut Nacht mein Lieber. Schön dich bei uns zu haben. Tante Sinmed drückte ihm einen Kuss auf die große Nase. Godefin wurde rot. Ja, ich freu mich auch helfen zu können. Gute Nacht.

Am nächsten Morgen ging es nach einem ausgiebigen Frühstück zeitig in die Fabrik. Meister Fabrizius erwartete die beiden schon mit Willi Wichtel.

Wir freuen uns sehr du da bist. Jede helfende Hand ist uns höchst willkommen, wir stehen ziemlich unter Druck. Hier, das ist deine Arbeitsstelle. Willi weist dich ein, kommandierte Fabrizius knapp.

Godefin wurde an ein Band gestellt und Willi zeigte ihm die notwendigen Handgriffe um die winzigen Speicherkarten in die Chassis der Ipone X zu löten. Die waren der Renner der diesjährigen Weihnachtssaison. Für Godefins Hände, die in Relation zu seinem Körper überdimensional und kräftig waren, eine feinmotorische Herausforderung und … wie er nach drei Stunden feststellte … eine absolute Unterforderung für sein Gehirn. Scheißlangweilig dachte er gerade, als Elwira in die Halle geflattert kam. Die kleine Fee war aufgeregt.

Hast du Fabrizius gesehen, fragte sie.

Der steht dort drüben. Godefin zeigte mit einer Kopfbewegung auf ein benachbartes Band auf dem gerade Flugdrohnen endmontiert wurden.

Gott sei Dank … Fabrizius, rief Elwira und flatterte noch etwas aufgeregter mit ihren seidenen Flügeln. Der Elf bewegte seine zerklüfteten, riesen Ohren augenblicklichen in Elwiras Richtung.

Was gibt´s Kleine?

Katastrophe Meister, das Engelshaar ist aus. Die ganze Puppenproduktion steht.

Da kam auch schon Taskan, der kleine Troll aus Nepal gerannt. Er hielt eine der Puppen in der Hand um sie Fabrizius zu zeigen. In der Tat. Nur eine Kopfhälfte war mit Haaren bedeckt, die aussahen, wie Lametta, aber eben aus Gold. Das ist die Letzte.

Taskan reichte dem Chefelf die Puppe. Sorgenfalten bedeckten die Stirn des erprobten Fabrikleiters. Was kann ich nur tun?

Verzeihung Meister. Ich hätte da einen Vorschlag, mischte sich Godefin ein. Ihr wisst, wir von der Familie der Zwerge haben ein gewisses Händchen für Alchemie und Erze, allzumal Gold und Silber sind unser Leidenschaft. ich bin sicher ich kann helfen. Habt ihr ein Laboratorium hier in der Weihnachtsstadt?

Labor? Sicher! Fabrizius musterte Godefin. Seine wachen Augen gefielen ihm. Warum nicht sagte er. Probieren geht über studieren. Elwira, führ Godefin in den Experimentiertrakt und sieh zu, dass er bekommt was er braucht. Und du, er zeigte auf Willi sorge bitte umgehend für Ersatz hier am Band. Wie lange wirst du brauchen?

Schätze zwei Stunden. Und morgen hab ich das Ganze soweit, dass wir wieder in Serie fertigen können, antwortete der Zwerg selbstsicher.

Ich verlass mich auf dich, verabschiedete sich Fabrizius knapp.

Eine halbe Stunde später stand Godefin in weißem Kittel (darauf hatte Elwira bestanden) im Labor dessen Luft rauchgeschwängert war. In einem großen Schmelztiegel brodelte es rotgolden und der Zwerg legte gerade letzte Hand an das Model, dass er mit seiner magischen Klinge geschnitzt hatte. Dann streute er von dem Zauberpulver, dass in er in seiner Beuteltasche aufbewahrte ein wenig in die zäh flüssige Substanz, die plötzlich violett aufschimmerte.

Dann machte er sich an den ersten Guss.

Die Goldfäden, die er wenig später aus der Form entnahm waren so fein und so ergiebig, dass der erste Produktionsversuch schon für 49 Puppenperücken reichte. Fabrizius war begeistert. Wie versprochen hatte Godefin am nächsten Tag eine Apparatur entwickelt mit der der Fertigungsprozess automatisiert werden konnte.

Ja, Erz, Gold und Silber das wirklich die Welt der Zwerge.

Zwei Tage später wurde Godefin vom Weihnachtsmann eingeladen. Du hast wirklich hervorragende Arbeit geleistet. Möchtest du nicht für immer hierbleiben? Einen wie dich kann ich gut gebrauchen. Godefin überlegte nicht lange. Es gefiel ihm hier. Hier konnte er sich nützlich machen und … wenn er sich es recht überlegte, Jandis, die er gestern im Pub getroffen hatte … die gefiel ihm besonders.

Ich bleibe gerne, Danke für die Einladung.

Schon im nächsten Jahr wurde Hochzeit gefeiert. Auch bei Jandis war es Liebe auf den ersten Blick. Mama Edwina freute sich über die hübsche Schwiegertochter, auch wenn es in ihrer Höhle nun ohne Godefin ein wenig einsamer war. Aber sie hatte ja noch ihre zwölf anderen Kinder und ihren Mann.

Die ganze Familie staunte nicht schlecht, als ihnen Godefin seine neueste Erfindung zeigte. Sie würde der Renner in der kommenden Saison werden. Da war sich der Weihnachtsmann sicher. Eine ganze Reihe Schokonikoläuse standen auf dem Tisch. Alle in feinste Gold und Silberfolie gehüllt. Na was sagt ihr? Sieht doch gut aus oder? Und hygienischer ist es allemal, bemerkte Godefin stolz. Mich schüttelt es, wenn ich nur dran denke, durch wie viele ungewaschen Pfoten die Nikoläuse bisher gingen ehe sie in ihrer ganzen schokoladenen Blöße in den Mägen der beschenkten Kinder landeten.

Und wie kriegst du die Goldfolie so hauchdünn, dass sogar das Licht durchscheint, fragte Edwina. Sie hielt neugierig eines der hauchdünnen Verpackungs- Blätter aus feinstem Metall gegen die Prüflampe.

Das Mama, bleibt unser Geheimnis grinste Godefin und klopfte Taskan auf die Schulter, der verlegen auf seine überdimensionalen Pranken blickte in der er einen riesigen Hammer hielt.