17. Adventsgeschichte

Die Kristall Fee

Copyright Uwe Brandl Nov 17    Josef Stanglmeier Str. 4    93326 Abensberg   

Die kleine Traudl hatte gelernt allein zu spielen. Sie lebten weit draußen in der Einöde. Der Vater war fort … im Krieg geblieben. Das Geld das Agnes, ihre Mama als Näherin verdiente, reichte nicht für die Wohnung in der Stadt. Tante Kreszenz, Mamas Schwester hatte dafür gesorgt, dass sie in dem Häuschen am Waldrand wohnen konnten. Es stand damals leer, und für die Taglöhner, die ihr Mann, der Großbauer während der Hopfenernte beschäftigte, musste sich ein anderer Platz finden.

Dem Sandner, wie der Onkel mit Hausnamen gerufen wurde, war´s nicht Recht. Er machte keinen Hehl daraus, dass er seine Schwägerin nicht mochte. Was hatte sie sich auch von dem Meixner, diesem Hallodri und Taugenichts schwängern lassen. Der war bloß Büchsenmacher und ein ganz verreckter Wildschütz oben drein.

Allen Madeln im Ort hatte der die Augen verdreht. Auch der Agnes, die der Sandner schon lieber gesehen hätt als deren jüngere Schwester Kreszenz. Dann war es gekommen wie´s kommen musste. Der Büchsenmacher hatte seinem Namen alle Ehre gemacht und wohl schon beim ersten Schuss mit der kleinen Traudl an Volltreffer gesetzt. Jetz war er hin, der Depp, und die Agnes allein mit der Kleinen.

Bald schon hatten sie das letzte der kunstvoll gefertigten Gewehre verkauft und die Agnes musste Werkstatt und Wohnung räumen. Als Näherin konnte sie den Pachtzins nicht aufbringen. Das vergönnte der Sandner dem Weibsbild in seiner gekränkten Bitterkeit.

Wir müssen der Schwester beistehen hatte die Kreszenz damals schüchtern bemerkt und dabei Löcher in den Boden der großen Wohnstube gestarrt. Sie wagte nicht ihren Mann dabei anzuschauen. Um dessen Gemütszustand wusste sie leider nur allzu gut Bescheid.

Nix müss mer. De Bruat wird sich schon selber fortbringen. Müssen halt Gottvertrauen haben. Vorher hat koana nach mir gfragt. Jetz braucht a koana fragen, trotzte der Sandner.

Obschon die Kreszenz die Wutausbrüche ihres Mannes fürchtete war ihr in diesem Moment das Blut doch dicker als Wasser. Die Agnes und die Traudl ziehen ins Taglöhnerhaus drüben am Wald. Ich bin die Schwester und die Taufpatin, und ich lass die jetzt in ihrer Not nicht im Stich, flüsterte sie bestimmt, ohne den Sepp Ossner, ihre bessere Hälfte, eines Blickes zu würdigen.

Der Sandner war platt. Noch nie hatte ihm sein Weib geschweige denn jemand anders je widersprochen.

Ja, zefix, gilt des was i sag gar nix mehr, brüllte er.

Na, und scho glei gar ned, wennst di aufführst wie ein eifersüchtiger Hornochs. Und nur, dass du es weißt. Der Großknecht is scho seit heut früh mim Fuhrwerk drüben und hilft beim Umzug, entgegnete Kreszenz.

Der Sepp ballte vor Wut die Hände. Wenn i des Weib oder ihr Kind, er spie das Wort förmlich aus, je auf meim Hof seh, lass i die Hund los, host me, zischte er hasserfüllt und verließ die Stube. Die Tür fiel krachend zu.

Scho recht murmelte die Kreszenz. Der Herrgott weiß schon, warum er uns koane Kinder schenkt, so bitter wie du bist.

Sie litt fürchterlich unter der unerfüllten Sehnsucht, die ihren Ehemann nach wie vor an ihre Schwester band. Obschon sie das schmerzte war sie Agnes nicht gram. Die konnte nichts dafür … und sie selbst, sie war ebenso wie ihr Mann gefangen. Gefangen in ihrer unerschütterlichen Liebe zu ihm. Vielleicht lässt dich der Himmelvatter in seiner Gnade irgendwann erkennen, dass wir zwei zamgehörn; … nicht nur damals betete sie dafür.

Seither waren fast zwei Jahre ins Land gegangen. Die Agnes war schon immer anfällig gewesen. Zu zart für die raue Wirklichkeit. Jetzt, kurz vor Weihnachten lag sie in der Stube des abgelegenen Hauses. Ein heftiges Fieber schüttelte sie. Sie hustete zum Gott Erbarmen. Das konnte leicht die Schwindsucht sein.

Der Sandner blieb trotzdem hart. Er verweigerte Schwägerin und Nichte den Zutritt zum Hof. Täglich sah Kreszenz nach ihrer Schwester, und weil sie Angst hatte, dass sich die Kleine anstecken könnte, wies sie ihr Patenkind an warm eingepackt so viel Zeit als möglich draußen zu spielen.

Traudl hatte im Gegensatz zu ihrer Mutter eine robuste Natur, und die frische Winterluft härtete sie zusätzlich ab. Es machte ihr nichts aus draußen zu sein. Nur dass sie niemanden zum Spielen hatte, das machte sie traurig. Sie hockte am Boden und stieß mit einem Stöckchen in die Eishaut, die sich in einer Pfütze gebildet hatte. Es hatte begonnen zu schneien. Dicke Flocken taumelten und tanzten durch die Luft.

Was bist du für ein hübsches Kind, hörte Traudl eine helle Stimme flüstern.

Wer … ist da … fragte das Mädchen, stand auf und blickte um sich. Im Hof war niemand außer ihr selbst, dem Wind und Abermillionen dicker Schneeflocken, die vergnügt durch die Luft tanzten.

Wer spricht zu mir, zeig dich, rief Traudl nochmals.

Eine große Schneeflocke setzte sich auf ihre Nase.  Na ich, ich spreche mit dir. Das Flöckchen kitzelte Traudl fröhlich an der Nase.

Du hast sie doch nicht alle … Schneeflocken können nicht reden, und ich lass mir das auch nicht weiß machen.

Als das Mädchen das weiße Krümel Eis von der Nase wischen wollte erhob sich der Flaum wie eine Feder und schwebte nach oben.

Na ja, ich geb’s zu. Ich bin ja keine normale Flocke. Ich bin … eine … Kristallfee. Mein Vater dort oben, sie deutete auf den grauen Himmel hat mich geschickt um mit dir zu spielen und dich …

Was, fragte Traudl.

… um dich zu trösten und … eine Aufgabe zu erfüllen.

Welche Aufgabe, … wieso trösten, fragte das Mädchen verstört. Jetzt erst bemerkte sie, dass das winzige, bläulich schimmernde Stück gefrorene Kälte tatsächlich Arme, Beine und vier nahezu unsichtbare Flügel besaß. Wieso trösten, sprich …! Entsetzt über die plötzlichen Erkenntnis lief Traudl ins Haus … Mama … schrie sie!

Die Mutter lag besinnungslos im Bett. Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. Ohne zu überlegen lief Traudl nach draußen. Sie musste zum Sandner Hof, Hilfe holen. Sie rannte um ihr Leben. Ihre Lungen brannten, aber sie gab nicht nach. Ohne anzuklopfen riss sie die schwere Eingangstür aus Eiche auf. Der Wind blies feine Schneekristalle in den Flur. Hilfe, bitte helft, Tante … wo bist du.

Die Stubentür flog auf und Kreszenz gefolgt von Sepp Ossner drängten auf den Flur. Was ist …? Beim Anblick der Kleinen stockte beiden der Atem.

Schorsch, schnell lauf zum Doktor und zum Pfarrer. Liesel du spannst an, wir müssen rüber zum Heisl, wies der Bauer Knecht und Magdt scharf an. Decken und Kräuter nehm ich mit, sagte die Tante und barg das weinende Mädel in ihren Armen. Kopf hoch, das wird schon wieder versuchte sie das Kind zu besänftigen.

Aber die Mama ist … Traudl stockte … sie ist nicht wach zu kriegen und schweißnass. Dass es so schlimm mit ihrer Schwester stand hatte Kreszenz nicht vermutet.

Wenige Minuten später waren sie am Haus. Traudl sprang von der Kutsche und stürmte hinein. Schorsch, der Großknecht stand verlegen in der Stube und knetete seinen Hut nervös in den schwieligen Händen. Da Doktor und da Pfarrer san drin, bedeutete er mit einer Kopfbewegung Richtung Schlafkammer.

Tante Kreszenz betrat den Raum, gefolgt von ihrem Mann. Agnes Meixner war bei Bewusstsein. Sie winkte Schwester und Schwager zu sich. Die Blicke des Arztes und des Pfarrers verhießen nichts Gutes. Wir beten um ein Wunder flüsterte Doktor Wallner und ging mit gesenktem Kopf nach draußen. Der Pfarrer folgte ihm.

Kreszenz, Sepp, dank euch, dass gekommen seids, flüsterte Agnes schwach. Es tut mir leid Sepp, sie blickte ihren Schwager mit fiebrigen Augen an. Ich hätt dir nie die Frau sein können, die dir mei Schwester is. Ihr zwei seids füreinander gmacht. Sei dankbar, dass du sie hast. Hörst?

Ein Hustenanfall nahm ihr unendlich viel Kraft. Und du Kreszenz bist wirklich eine Seele von Mensch … hast es all die Jahre ertragen, dass dir dieser Büffel immer zu verstehen gegeben hat, dass er eigentlich wen andren lieber g´habt hätt.

Da muss man jemanden wirklich lieben um das auszhalten.

Des is war. Recht hast Agnes und a rechter Narr war i, sagte der Sandner. Er zog sein Weib eng an sich. Verzeih mir Kreszenz! I hab dich gar ned verdient. Tränen standen in seinen Augen.

Schön, dass du zumindest an meim Sterbbett zur Einsicht kommst, flüsterte die Agnes. Bittschön kümmerst euch um mein Kind.

Ich will aber nicht, dass du stirbst Mama, weinend lief Traudl an´s Bett der Mutter. Sie hatte in der Tür gestanden und alles gehört. Sie umarmte und küsste die Kranke und barg ihren Kopf an der schwer atmenden Brust.

He du erdrückst mich, pass doch auf flüsterte die Kristall Fee und kletterte mühsam aus der Tasche in Traudls Mantel. Ich wär beinah umgekommen vor Hitze da drin.

Was, wer ist das, fragte Agnes ihre Tochter mit fiebrigen Augen.

Das ist meine Freundin, die Kristall Fee. Wegen ihr hab ich nach dir gesehen und sofort Hilfe geholt.

Feen gibt es nicht Traudl, flüstere Agnes schwach … sie sind nur … Gespenster des Fiebers … .

Von wegen … Gespenster des Fiebers … wir sind real … und so echt wie euer Glaube an das Unmögliche. Und wir werden geschickt um zu helfen. Die Kristall Fee hatte trotzig ihre kleinen Arme in die Hüften gestemmt und flatterte aufgeregt über Agnes Gesicht.

Uns selber für andere aufzugeben das ist unser Auftrag. Du wirst nicht sterben Agnes Meixner, hörst du! Noch ist deine Zeit nicht da. Sanft küsste die Fee Traudls Mutter auf die Stirn. In dem Augenblick, als die Lippen der Fee die Kranke berührten, zerschmolz sie zu einem blau schimmernden Tropfen, der die Frau für einen Augenblick in eine leuchtende Aura hüllte. Sie war so hell, dass Mutter und Tochter die Augen schließen mussten.

Es war tatsächlich ein Wunder geschehen. Doktor Wallner konnte es sich nicht erklären. Als Agnes zwei Tage später aufgewachte war die Krankheit verschwunden.

Am Sonntag darauf, es war der dritte Advent saß eine glückliche Großfamilie in der Stube am Sandnerhof zu Tisch. Der Sepp brannte feierlich die dritte Kerze an. Wir danken dem Herrn, dass er die Agnes gerettet und uns gezeigt hat, dass wir alle zusammen, schloss er seine Andacht.

Und ich danke dir, lieber Gott, dass du mir die Kristall Fee geschickt hast. Sie hat sich geopfert, wie dein Sohn, schloss die kleine Traudl ihr stilles Gebet.

Vielleicht könnt ihr euch denken, warum bei der Sanierung der Herrschaftsstube im Sandnerhof viele Jahre später hinter dem Kruzifix, das dort seit undenkbaren Zeiten hing, ein kleiner glasklarer Bergkristall gefunden wurde. Fast hätte man meinen können er hätte die Form einer besonderen Schneeflocke oder einer Fee … aber die gibt es ja nicht.