18. Adventsgeschichte

Die Tränen der Liebe oder warum man wirklich unter der Mistel küsst

Copyright Uwe Brandl Nov 17   Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg   

 Um Weihnachten und die damit verbundenen Bräuche ranken sich ja so einige Legenden. Viele Geschichten beschäftigen sich mit der gemeinen Mistel, vor allem damit warum Mann ( neuerdings ) und oder Frau sich darunter küssen. Vielleicht widmen sich Dichter und Denker dem Schmarotzer deshalb so intensiv, weil es genau die Mistel ist, deren Fruchtstände just in der Weihnachtszeit reifen.

Pflanzen, die keine Wurzeln besaßen wurden im Altertum als mystisch und heilig verehrt. Die Germanen schnitten Misteln nach einer festen Zeremonie zur Wintersonnenwende. Unabhängig vom Druiden Miraculix, der Asterix aus der Mistel und anderen geheimnisvollen Zutaten einen Kräfte spendenden Zaubertrank bereitet, spielte und spielt die Mistel seit jeher in allen Kulturen auch als Heil-  und Kultpflanze eine bedeutende Rolle.

Schon weit vor Christi Geburt befeuert die Schmarotzerpflanze Legenden und Sagen. Manche mutmaßen sogar, dass sich die Mistel bereits im Paradies am Baum der Erkenntnis gütlich tat.

Einer anderen Überlieferung zu Folge war die Mistel früher ein Baum. Nicht irgendeiner, sondern der, aus dem das Kreuz Jesu geschnitten worden war. Die Brüder und Schwestern dieses Unglücksbaums sollen vor Gram und Kummer zum Mistelstrauch geschrumpft sein und nicht mehr gewagt haben, mit ihren Wurzeln die Erde zu berühren.  Weil den Herrn diese Reue berührte, gab er den Pflanzen die Gabe fortan zu heilen und allen, die sich unter ihren Schutz stellten Güte, Reinheit und Liebe zu schenken.

Zur Familie der so genannten Visca zählen rund 1400 Arten. Die Farbe ihrer Beeren reicht von weiß bis orangerot. Eine in Vorderasien bevorzugt anzutreffende Spezies gedeiht auf Akazien und hat orangerote Stile an denen Flammen gleiche Blätter und Früchte wachsen. Ob Moses brennender Busch, der dennoch nicht von den Flammen verzehrt wurde, vielleicht eine solche, Mistel befallene Akazie war?

Menschen, die sich unter einer blühenden Mistel begegnen küssen sich. Diese, vor allem in England weit verbreitete Sitte, bringen einige Historiker mit den Saturnalien in Zusammenhang. Dieses altrömische Fest wurde am 17.ten Dezember zu Ehren des Kriegsgottes Saturn ausschweifend gefeiert.

Alkohol und sexuelle Exzesse prägten die Feierlichkeiten. Mistelzweige wurden als Freundschaftszeichen verschenkt. Standesunterschiede gab es an diesem Tag nicht. Sogar die Sklaven konnten sich auf diese Narrenfreiheit berufen.

In Skandinavien schlossen Krieger, die sich unter einem Mistelbaum begegneten eine Art Waffenstillstand, der einen Tag währte.

Die alten Schweden haben da noch etwas in petto. Nach meinem Gusto die schönste Geschichte zum Thema Mistel und Liebe.

Oben im Norden hausten einst viele Götter. Einer davon hieß Loki. Aber anders als sein niedlicher Name vielleicht vermuten lässt, war der das ganz und gar nicht, … also niedlich … im Gegenteil, ein ganz hinterfotziger Neidhammel war der. Wie das für einen Kriegsgott halt so üblich ist. Vor seiner Niedertracht blieben nicht einmal seine Götterkollegen verschont.

Das muss ich erzählen … Also … Halt, eins vorweg, die Namen, die jetzt dann kommen entspringen nicht meinem schrägen Gehirn. Die beanspruchen Autentizität. Sind echt mein ich damit. Original aus den germanischen Götter und Heldensagen, … will heißen bei der Geschichte kann man mit ein bisschen gutem Willen sogar was lernen …

Balder, der Gott des Lichts träumte einst, er würde sterben. Seine Mutter Frigga, die Götttin der Liebe erschreckte das sehr. Sie wusste, dass mit dem Tod ihres Sohnes die Welt und ihr Reich verloren wären. Sogleich suchte sie die vier Elemente Feuer, Wasser, Licht und Erde auf und nahm ihnen das Versprechen ab gegen ihren Sohn, die Sonne niemals die Hand zu erheben. Auch allen Pflanzen und Tieren nahm die Göttin das Gelöbnis ab ihrem Sohn nichts zu leide zu tun.

Nur die Mistel, die Frigga in ihrem Beutel als segensreiche Medizin bei sich führte hatte sie in der Eile und Aufregung dabei ganz vergessen.

Loki, der Gott des Krieges und des Feuers war seit Kindesbeinen eifersüchtig auf Balder. Er hatte Frigga auf ihrer Reise durch die Kräfte und Mächte beobachtet, und er wusste um die vergessene Mistel. Er nutzte die Kräfte des Vollmonds und schnitt aus einem Mistelstrauch einen Pfeil, den er mit Gift tränkte.

Baldur der Sonnengott, Odins Sohn, hatte einen Zwillingsbruder mit Namen Hödur. Hödur, der Kämpfer- und Winter Gott war blind und beurteilte die Menschen nach ihren Werten und Tugenden. Er war tiefsinniger Begleiter der dunklen Seite und Vertrauter des Loki. Bald schon hatte sich im Göttereich herumgesprochen, dass Baldur Dank der Fürsprache seiner Mutter nicht zu verletzen sei.

Die Götter machten sich einen Spaß und bewarfen Baldur mit allerlei Gegenständen um die Unverwundbarkeit zu prüfen, der man ihn rühmte. Dem listigen Loki gelang es, den blinden Hödur anzustiften mit dem Mistelpfeil auf seinen Bruder zu schießen. Trotz seiner Blindheit trifft er und der Sonnengott sinkt tot zu Boden. Das Licht, das die Erde erwärmte erlosch, Chaos und Dunkelheit brachen sich Bann.

Verzweifelt versuchten die Elemente die tote Sonne zum Leben zu erwecken. Frigga weinte über ihren leblosen Sohn Baldur gebeugt drei Tage und Nächte.

Der Mistel, die doch die Lieblingspflanze der Göttin war tat es leid, dass die Sonne wegen ihr Schaden genommen hatte. Weil sie um ihre Heilkraft und Magie wusste sorgte sie dafür, dass sich die bitteren Tränen ihrer Herrin in die segensreiche Frucht ihrer eigenen Blätter und Äste verwandelten.

Als eine der Misteltränen den Mund der toten Sonne berührte erwachte diese zu neuem, kraftvollem Leben.

Frigga war darüber so glücklich, dass sie all ihre Freunde und die Menschen anwies fortan jeden zu küssen, der unter einem Mistelzweig seht.

In Wahrheit aber ist die ganze Mistel Kuss Geschichte banal und höchst zwischenmenschlich. Richtig ist, dass der Ursprung dieses Mythos weit zurück in keltischer Zeit liegt.

Der junge Adian war ein wackerer Kämpfer; stark und schlau, aber seine Gesichtszüge waren derb. Freundlich formuliert: Adian war nicht gerade ein Hingucker. Nur seine Augen hatten etwas Magisches. Er liebte Juna, die Tochter des Schmieds aus ganzem Herzen. Doch die blonde Schönheit verschmähte ihn.

Was soll ich tun, fragte er den schlauen Druiden Tagoc. Der grübelte. Es ist bald Wintersonnwende. Drüben am Wolfshain steht eine einsame alte Föhre. In vier Tagen ist es so weit. Stell dich um Mitternacht mit deiner Liebsten unter den Baum, genau da wo die Misteln blühen und zeige ihr die Sterne. Wenn sie dir in die Augen sieht küss sie. Die Kraft der Mistel wird dir helfen.

Adian tat, wie ihm geheißen. Es hatte ihn einiges an Überredungskunst gekostet Juna zu bewegen mit ihm zu kommen. Schließlich willigte sie ein, denn eigentlich war sie gern in seiner Nähe; sie mochte seine reine Seele und das Geheimnis, in das er sie einweihen wollte weckte ihre Neugier.

So standen sie um Mitternacht direkt unter einem mächtigen Mistelbusch voller reifer Früchte. Als Juna auf Adians Geheiß zu den Sternen blickte, lösten sich einige der reifen Beeren und fielen auf ihr hübsches Gesicht und ihre vollen Lippen.  Adian küsste sie herzlich.  Sie vermochten ihre Lippen kaum voneinander lösen, so zäh verband sie der klebrige Saft der Pflanze.

Juna konnte in diesem Moment nicht anders, sie musste in Adians Augen blicken … es war, als ob sie auf den Grund des Meeres sah.  Sie fühlte seine Seele, angefüllt mit einer Liebe, die sie schauern machte, der Liebe zu ihr. Sie wusste: nie wieder würde sie einen anderen küssen können. Er und nur er war ihr Schicksal, das sie freudig annahm.

Seit dieser Zeit versuchen Mädchen und junge Männer mit Hilfe eines blühenden Mistelzweiges zu erkunden, ob sie ihrer wahren Liebe gegenüberstehen. Und weil Misteln in unseren Breiten eben genau in der Weihnachtszeit ihre klebrige Pracht entfalten geschieht diese Küsserei bevorzugt im Dezember.