19. Adventsgeschichte

Wanderer über dem Nebelmeer

Copyright Uwe Brandl Nov 17   Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg 

 Er war lange nicht mehr hier gewesen. Plötzlich hatte er sich vor dem riesigen Eingangsportal wiedergefunden. Ohne irgend einen Grund. Seinen Mittagsspaziergang machte er täglich. Ein Ziel hatte er nicht geplant.

Schön sie wieder mal zu sehen Herr Geheimrat Kemper, wurde er vom freundlichen Mitarbeiter der staatlichen Museumsverwaltung begrüßt, der bei seinem Anblick sofort Haltung annahm.  Er kannte das Gesicht des Diensthabenden. Er wohnte im selben Viertel in Wien. Ihre Söhne besuchten die Ober Sekunda des Akademischen Gymnasiums. Es war das älteste und bedeutendste der Stadt.

Ah, Herr …

Feisleben half der Uniformierte.

Verzeihung, Herr Freisleben, natürlich, was muss ich … Leopold Kemper hatte das Portemonnaie gezückt um den Eintritt zu bezahlen.

Ich bitte Sie, nichts natürlich, als Gönner der Kunsthistorischen haben sie selbstverständlich freien Eintritt. Wollen sie …?

Kemper nickte.

Sie wissen Bescheid, dritter Stock, links … Freisleben zeigte in Richtung Treppenhaus das den unzähligen Besuchern die unterschiedlichen Ausstellungsebenen des klassizistischen Baus erschloss.

Blöde Frage. Natürlich wusste er Bescheid. Er konnte sich gar nicht erinnern wie oft er hier gewesen war. Schon als Kind unzählige Male mit seiner Mutter, als Heranwachsender voller Verzweiflung. Und heute …  heute wohl, weil es kurz vor Weihnachten war, und er von Sehnsucht getrieben offensichtlich hier her musste.

Er vermisste ihn, seinen Vater, den er nie gesehen hatte. Der Berg hatte ihn immer noch nicht freigegeben. Er war verschollen in den Alpen. Verschluckt vom ewigen Eis des Pitz. Mit ihm wurden zwei seiner Freunde vermisst. Nur Martin Astaller, der junge Kamerad aus dem Vinschgau konnte dem Lawinen Abgang damals entgehen. Vom Rest der Seilschaft fehlte seit jetzt 34 Jahren jede Spur. Es tröstete ihn wenig, dass sein Vater als Pionier des modernen Alpinismus galt, einer Sportart, die sich seit Beginn des 19ten Jahrhunderts stetig fortentwickelte. Die Tagebücher seines Vaters, des rastlosen Kommerzienrates, mit den Beschreibungen der abenteuerlichen Erstbesteigungen kannte Kemper auswendig.

Ein gelehrter, kunstsinniger Mann. Einfühlsam, wissbegierig, freundlich. Ein guter Mensch. So zumindest wurde er ihm beschrieben, sein Vater.

Nichts war von ihm geblieben … nicht einmal eine Fotografie existierte. Nichts außer … Kemper betrat das Zimmer und setzte sich auf die Besucherbank. Er legte den Zylinder neben sich und lockerte den cremefarbenen Schal.

Da bin ich also wieder, dachte er und starrte auf das Bild, das ihm gegenüber hing. Auf einem Gipfel, umspielt von Sonne und Wolken stand er, der Wanderer über dem Nebelmeer. Den Betrachtern den Rücken zugewandt. Genauso sollte ihn Caspar David Friedrich verewigen, als unbedeutenden Teil der Schöpfung. Als einen, der seinem Herrgott auf den Gipfeln der Berge nahe sein wollte, unerkannt, demütig aber voller selbstbewusster Kraft.

Nicht nur dieses Bild, so hatte es Kommerzienrat Sigmund Kemper verfügt, sollte nach seinem Ableben der Kunsthistorischen Sammlung als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt werde. Einen gewisser Narzismus, sich selbst der Nachwelt auf diese Weise in Erinnerung zu halten, hatte sie ihm dann doch unterstellt, die feine Wiener Gesellschaft, als die Ausstellung seines Nachlasses 1821 mit einer großen Vernissage gefeiert wurde. Der Caspar David hatte dabei selbstredend im Mittelpunkt gestanden.

Weist Papa, das Gschäft macht mir arge Sorgen, dachte Leopold Kemper, ich tät was drum geben dich nur einmal anzuschaun und zu drücken.

Da fühlte der junge Geheimrat urplötzlich einen Sturm. Er packte ihn, wuchs zum unbändigen Orkan und trug ihn mühelos durch Raum und Zeit, hinüber zu den Nebeln, die die Felskuppe umwaberten, auf der sein Vater stand.

Er spürte die Kälte, den Wind. Er roch den frischen Schnee und den Stein, der sich langsam erwärmte. Und dann stand er neben ihm, fühlte seine starken Schultern, roch den Tabak im festen Tuch des schwarzen Gehrocks.

Hast dich wacker gschlagen Bub, bin stolz auf dich. Voller Herzlichkeit umarmte der Kommerzienrat seinen Sohn. Seine hellblauen Augen sprühten vor Abenteuerlust und sein schwarzes Haar zerzauste der Wind. Jetz schau nicht so. Hättest nur in den Spiegel zu sehen brauchen … hat dir die Mama nicht gsagt, dass du mir runtergrissen gleichschaust?

Ich hab’s nicht glaubt, hab immer gedacht sie wollt mir nur gut zuredn, die Mama, murmelte Leopold verlegen.

Hab’s nicht geglaubt. Das is genau euer Problem. Ihr glaubt’s zu wenig. Zu wenig an den Herrgott, zu wenig an die Kraft der Natur, zu wenig an das Unmögliche … wie das hier … Sigmund Kemper zeigte auf die Darstellung des Bildes, die um sie herum lebendig wurde. Der Nebel stieg, spielte mit Licht und Schatten, der Sturm zerrte an ihren Kleidern und dem niedrigen Gras am Fels. Und mein Junge, vor allem glaubt ihr zu wenig an euch selbst.

Weist Vater da magst schon recht haben, aber vielleicht wärs mir leichter gefallen an mich, den Herrgott und die gute Fügung zu glauben, wennst da gewesen wärst bei uns.

Der Kommerzienrat schüttelte den Kopf. Bub ich war immer bei dir und Mama. Jeden Tag, jede Sekunde, jeden Augenblick. Und ich werd es auch weiter sein. Du wirst mich spüren. Da drin. Er legte seine Hand auf das Herz seines Sohnes.

Herr Kemper. Eine Hand rüttelte sanft an seiner Schulter. Wir schließen in 10 Minuten. Freisleben stand vor ihm und starrte ihn besorgt an. Verzeihung, darf ich was fragen … ist das. Der Wärter deutete auf das Gemälde, is das wirklich ihr Vater? Fast hätt man meinen können, sie wären bei ihm gwesen. Keiner hat sich traut sie anzusprechen, so vertieft warn´s Herr Geheimrat.

Aber was guter Mann. Wie bittschön, könnt ich in am Bild sein? Das glaubt doch ernsthaft keiner. Und mein Vater? Ja mein Vater der is hier, jeden Augenblick. Kemper deutete vergnügt auf sein Herz.

Der Museumswärter zuckte mit den Achseln. Hams alles? Ich begleite sie nach draußen. Am Maria Theresienplatz war´s schon dunkel. Die Gaslampen verbreiteten flackernd ihr orangegelbes Licht. Ein schneidend kalter Wind zerrte an seinem Mantel. Er sollte den Schal enger knoten, dachte er und griff ins Leere. Sicher hatte er ihn auf der Bank liegen gelassen. Er war doch tatsächlich eingeschlafen. Ein eigenartiger Traum … Mit leichtem Herzen machte sich Leopold Kemper auf den Weg nach Hause, zu seiner Familie. Die Probleme im Geschäft würde er lösen, mit Vaters und Gottes Hilfe, da war er sich jetzt sicher.

Im dritten Stock des kunsthistorischen Museums bückte sich der Wanderer im Nebelmeer und hob den Schal auf, der vor seinen Füssen am felsigen Boden lag. Danke Herr für diesen Augenblick des Unmöglichen, flüsterte er … endlich habe ich ihn gesehen, meinen Sohn.

… du hast es nicht geglaubt, er ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten … übertönte eine belustigte Stimme den pfeifenden Wind, der die Nebelfetzen zu Füßen des Wanderers tanzen lies.