2. Adventsgeschichte

Die Löcher im Himmel

Copyright Uwe Brandl Nov 17  Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg

Wie ist es da oben bei dir eigentlich, dort hinter dem schwarzen Himmel?

Der junge Jäger Mashkwa lag auf seinem Rentierfell in der Jurte und starrte angestrengt durch die Rauchöffnung im Dach in den schwarzen, wolkenlosen Himmel.

Weißt du, ich glaube es ist besser wenn ihr nicht seht, wie schön es dort ist, woher ihr kommt und wohin ihr geht, hörte er eine dunkle sanfte Stimme.

Anfangs, als er die Stimme zum ersten Mal in sich gespürt hatte, denn wirklich hören konnte er sie natürlich nicht, war er furchtbar erschrocken und Tage lang völlig durcheinander.

Irgendwann, es war ja wohl schon allen aufgefallen, dass er sich sonderbar verhielt, hatte ihn Soshun ihr Schamane zur Seite genommen. Du hast ihn gehört nicht wahr?

Mashkwa nickte verschämt, er war gerade an der Schwelle zum Mann und schon bald würde er sich der großen Prüfung stellen, um endgültig in den Kreis der Jäger aufgenommen zu werden.

Sag Soshun, bin ich … er bewegte die Hand vor seinem Kopf … bin ich verrückt?

Der weise Heiler und Seher schüttelte amüsiert den Kopf. Im Gegenteil mein Junge … du bist ein Auserwählter. Einer von den Wenigen, die die Gabe haben eine Brücke zu schlagen zwischen unserer Welt und der Welt der Ahnen. Du bist unsere Verbindung zu dem, der uns erschaffen hat und zu dem wir einst zurückkehren.

Warum hat er uns überhaupt hierhergeschickt; warum hat der große Geist uns nicht bei sich gelassen?

Weil, … Shoshun zögerte, … weil wir uns in diesem Leben das vergänglich ist bewähren sollen. Er, der unser Vater und unsere Mutter ist, der all das hier gemacht hat, …. der Schamane bezog mit einer weit ausladenden Geste unmissverständlich die gesamte Natur und Schöpfung ein, … er stellt uns alle vor eine Aufgabe. Nur wenn wir sie erfolgreich meistern nimmt er uns in Gnade auf in seine unendliche Herrlichkeit dort oben. Soshun zeigte auf den dunklen Himmel.

Und was ist meine Aufgabe, hörte sich Mashqua fragen? Zu lernen, zu akzeptieren, zuzuhören und sein Mittler zu sein, mein Junge. … Lass es zu und fürchte dich nicht.

Mashqua war noch am gleichen Tag in die Jurte des Schamanen gezogen, und dessen wissbegieriger Schüler geworden. Drei Monate später hatte er sich der großen Prüfung gestellt.

Vier Wochen hatte er ohne Nahrung in der Wüste ausgeharrt; schließlich erwachte er auf einem Felsplateau, neben sich das Fell eines frisch erlegten Schneeleoparden. Dumpf erinnerte er sich an den Kampf, an die Begegnung mit seinem verstorbenen Vater, an schreckliche Bilder, die er nicht deuten konnte und an die Stimme, die ihn führte und stärkte. Der Leopard hatte ihn an der Schulter verletzt ehe er ihn mit dem Messer erlegte, … eine andere Waffe hatte er nicht.

Mashqua wurde nicht nur von seinem Stamm respektiert. Seine Heilkräfte und seine Weisheit, seine Fähigkeit Dinge vorherzusagen hatten ihn weit über die Grenzen ihres Territoriums hinaus bekannt gemacht. Viele suchten bei ihm Rat und Heilung.

Mashqua wusste, dass er den Kontakt zu ihm, der weder Raum noch Zeit kennt nicht erzwingen konnte. Der große Vater würde mit ihm sprechen, wenn er es für richtig hielt. Aber auch wenn der von dem sie kamen, schwieg zeigte er ihm seine Kraft. Die Geheimnisse und Stärke der Natur, den Nutzen der Pflanzen und Steine. Er lehrte ihn, aus dem Verhalten der Tiere Ereignisse wie Stürme, Regen, Trockenheit oder Gefahr abzuleiten und vieles mehr.

Warum ich, fragte Mashqua in den Himmel.

Weil ich Menschen wie dich brauche um mein Werk zu vollenden spürte er die Antwort.

Was ist dein Ziel Vater?

Eigentlich … die Stimme zögerte, fast ein wenig amüsiert… eigentlich, dass es bei euch so ist wie hier … unendlich schön, friedlich, harmonisch. Ein Einklang und Gleichklang; ein Sieg des Guten über das Böse. Ein Leben ohne Angst und voller Hoffnung, fern von jeder Zwietracht, erfüllt davon füreinander einzustehen. Die Stimme schwärmte voller Überzeugung und Leidenschaft. Ihr müsst nur daran glauben, dann werdet ihr das auch schaffen

Das hört sich sehr, sehr schön an, dachte Mashqua, aber …

Was aber …

Verzeih Vater, aber meinst du nicht, die Menschen würden nicht noch mehr glauben und nach dem streben, was du von Ihnen erwartest, wenn du ihnen ein wenig Hoffnung darauf machst, dass sie dein Paradies auch erreichen?

Ich sehe schon Mashqua, ich habe mir einen weisen Mann auserwählt, flüsterte die Stimme. Der junge Schamane fühlte einen leichten Hauch auf der Stirn, als ob ihn Lippen flüchtig zu einem väterlichen Kuss berührt hätten. Dann schlief er ein.

Als er die Augen öffnete und durch die Feueröffnung im Dach der Jurte blicke sah er nicht wie gewohnt die dunkle Schwärze des Himmels, sondern Abermillionen heller Punkte, die sich zu klaren Bildern vereinten, die Richtung und Ziel gaben. Staunend und eigenartig geschwächt verließ er das Zelt. Sein Stamm begrüßte ihn aufgeregt. Vier Nächte hatte er besinnungslos im Zelt gelegen.

Bei Anbruch der letzten Nacht war Shoshun sein Lehrer, der neben ihm gewacht hatte, von Ihnen gegangen. Der alte Weise lehnte hockend am Zelt und lächelte glücklich in den Himmel. Niemand hatte gewagt ihn zu berühren. Genau in dem Augenblick als Mashqua aus seiner Besinnungslosigkeit erwachte und die Augen öffnete waren die hellen Punkte am Himmel erschienen, die seine Mitbrüder aufgeregt aber auch glücklich betrachteten.

Der junge Seher küsste seinen toten Meister und drückte ihm die Augen zu. Da schoss ein heller Lichtstrahl zum Himmel und vereinte sich mit dem hellsten aller Lichtpunkte, weit oben im Norden. Der ganze Stamm war Zeuge dieses Schauspiels. Sie warfen sich auf den Boden. Sie alle hatten gesehen, wie ihr Schamane heim zu den Ahnen gegangen war. Er war eins geworden mit dem strahlendsten Stern der Nacht.

Sie alle waren überzeugt: dass was sie dort oben am Himmel seither erblickten, das waren kleine Löcher, durch die ihnen der große Vater ab und an einen winzigen Blick dorthin erlaubte, wohin sie alle gelangen wollten. Die Nachricht über die Ereignisse jener Nacht verbreitete sich schnell … und sie nährte die Hoffnung der Menschen auf das was hinter den Grenzen ihres begrenzten Verstandes verborgen lag; das Paradies.

Du siehst, ich habe deinen Rat befolgt, mein Sohn, hörte Mashqua die sanfte Stimme und lächelte dankbar.