22. Adventsgeschichte

Der außergewöhnliche Adventskalender

Copyright Uwe Brandl Nov 17 Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg       

Dieses Jahr zur Adventszeit sollen alle in der Familie helfen einen besonderen Adventskalender zu basteln. Denkt nach, was den anderen Freuden macht. Kein Geld und keine Schokolade bitte. Es geht darum zu versuchen den Geist der Weihnachtszeit einzupacken, hatte Papa ihnen am Frühstückstisch eröffnet.

Oh Mann, wieder eine von diesen glorreichen Ideen! Evi war zehn und die Jüngste am Tisch. Sie verdrehte die Augen. Wir sind fünf. Wie viele Tage muss ich da machen?

Evis Mutter strich ihr über die schwarze Lockenmähne, die immer ein wenig wilder als bei ihren Geschwistern aussah. Wir haben uns gedacht ihr Kinder sorgt für die Türchen 22 bis 24, den Rest machen Papa und ich ok?

Dann nehme ich Nummer 22 sagte Jan, schob sich das letzte Stück seines Frühstücksbrotes in den Mund, gab seiner Mutter einen Kuss und verabschiedete sich in die Arbeit. Er war Geselle in einer Schreinerei, die sich auf exklusive Wohneinrichtungen spezialisiert hatte. Kurz vor Weihnachten bogen sich die Auftragsbücher und jeder Kunde wollte noch beliefert werden.

Bis heut Abend, … weg war er.

Ich will Nummer 24 bemerkte Evi kauend und schielte zu Marie ihrer älteren Schwester. Die war 15 und ging auf die St Anna Realschule.

Du hast wohl einen Vogel Zwerg. Der Weihnachtstag gehört mir. Marie tippte sich an den Kopf.

Nur weil du die Ältere bist musst du dir gar nix einbilden, ereiferte sich Evi.

Na, na ihr beiden. Streit brauchen wir keinen, mahnte der Vater, packte sich Brot und Kaffee in die Aktentasche und verabschiedete sich ins Büro.

Sching, Schang, Schung? fragte Evi vermittelnd. Marie nickte.

Ein Durchgang, ok?

Sching, Schang, Schung. Evi wickelte ihre flache Hand über die geballte Faust der großen Schwester. Papier gegen Stein … Gewonnen. Ich hab den Heiligabend, jubelte sie.

Na dann lass dir mal was Spannendes einfallen Knirps. Jetzt mach dich fertig wir sind spät dran. Der Bus wartet nicht. Tschüss Mam, bis heute Abend, rief Marie im Gehen.

Bis heute Abend ihr zwei.

Den ganzen Weg zur Schule löcherte Evi ihre große Schwester was sie denn basteln würde.

Ich male deine ersten Schuhe, die Mama dir als Baby gekauft hat silbern an, stopf Moos rein und rote Kerzen. Das hängen wir dann als besonderen Schmuck an den Weihnachtsbaum.

Tust du nicht ,maulte Evi.

Musst du schon mir überlassen und jetzt denk gefälligst selber nach und lass mir meine Ruhe, sagte Marie bestimmt, stopfte sich die Kopfhörer ihres smartphones in die Ohren und starrte aus dem Fenster des Omnibusses. Damit war der Diskurs beendet.

 

Am frühen Abend saß die Familie wie immer zur Brotzeit zusammen. Auch da war der besondere Adventskalender Thema. Jan hatte angefangen und gefragt, ob er Dads Werkzeug und den Werkraum benutzen durfte. Es war ja schon der 28.te November und nicht mehr allzu viel Zeit. Der Kalender sollte ja in drei Tagen pünktlich und vollständig fertig sein.

Darf ich auch fragte Evi.

Der Vater räusperte sich amüsiert, na dann macht besser mal einen Belegungsplan, damit ich auch genau weiß wer aufgeräumt hat und wer nicht.

Brauchen wir nicht. Jan zwinkerte Marie zu. Wir beide machen das morgen vor dem Frühstück, dann hat der Knirps noch zwei ganze Tage.

Evi verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust und zog einen Schmollmund.  … Bin kein Kniprs, grummelte sie entschieden.

So Kinder abräumen, wie ausgemacht sehen wir uns in einer halben Stunde das Video an, das Papa von unserem letzten Ägypten Urlaub gemacht hat, forderte sie ihre Mutter auf.

Ist gestern fertig geworden betonte, Peter Brenner stolz.

Ich glaub, wir sind alle sehr gespannt, bemerkte Marie.

Ja, alle, seeehr, ließ Jahn seine Euphorie deutlich vernehmen. Er hätte lieber mit seinen Kumpels Fußball geguckt. Aber diese besonderen Familienevents waren ein „ Must „ … und irgendwie ja dann doch cool. In anderen Familien gab es sowas nicht.

Als sie dann mit Getränken und Knabbereien vor ihrem großen Fernseher saßen, und die ersten Sequenzen gesehen hatten, waren sie alle sofort wieder dort im Süden unter den Palmen im warmen Meer und schwammen mit den bunten, zutraulichen Fischen um die Wette. Toll hatte Peter das wieder hingekriegt. Julia Brenner drückte ihrem Mann einen zärtlichen Kuss auf die Wange, der ihr verliebt lächelnd die Hand drückte.

Nach einer guten halben Stunde lief der Abspann.

Echt cool Paps, meinte Jan.

Schon gut Großer, hau ab, das Spiel beginnt in 10 Minuten. Viel, versäumst du nicht, wenn ihr heut bei Axel seid. Und bitte spätestens um 12, ja?

Du bist echt Klasse Pa. Jan drückte ihm und seiner Mutter einen Kuss auf die Stirn. Marie, morgen Punkt halb sechs, wir treffen uns in der Werkstatt, ok? Dann schnappte er sich die Jacke und trabte los.

Also für mich ist das allerschönste am Film der Sonnenaufgang, als wir mit den Quads draußen in der Wüste waren und bei den Beduinen übernachtet haben. Ahmad hat uns da aber auch einen besonderen Gefallen getan, als er uns um 4 Uhr aus den Betten holte und mit uns auf den Berg gefahren ist. Fast eine Stunde Fahrt. Wir waren alle hundemüde und sauer, dass wir aufstehen mussten. Aber es war der Wahnsinn, schwärmte Julia.

Ja, rief Marie! Die Aussicht von so hoch oben war gigantisch und das Meer war wie…

Wie ein Tablett aus purem Gold, rief Evi und die Sonne erst rot, dann orange wie ein riesiger Ball.

Und wir so klein und ehrfürchtig, ergänzte Peter. Dieses Moment, dieses Licht war ein ganz besonderes Geschenk. Das werden wir alle wohl nie vergessen.

Ja, meinte Julia Brenner, diesen Moment hätte ich gerne immer, jeden Tag.

Jetzt wusste Evi, was sie in dem 24ten Säckchen verpacken würde. Aber wie? Sie brauchte einen Plan und Ruhe um ihn zu entwerfen.

Ich geh dann mal ins Zimmer.

Was es ist doch erst neun und morgen ist doch Samstag, meine Marie. Komm lass uns noch Rommee spielen.

Nö keine Lust. Ich lese noch ein bisschen und geh früh schlafen. Ich bin einfach müde.

Was ist denn mit der, fragte Marie.

Erfinderpanik, schmunzelte Peter.

Am nächsten Morgen fand Julia ihre schlafende Tochter in einem Bett das mit verkritzeltem und zusammengeknülltem Papier übersät war.

Aufwachen … Frühstück, rief sie und unterdrückte ihre Neugier und die Versuchung eines der Blätter an sich zu nehmen.

Komm schon, murmelte Evi verschlafen.

Nach dem Frühstück muss ich kurz einkaufen, in den Baumarkt und dann geh ich in die Werkstatt ok?

Na klar meine ihr Vater. Ist dir was eingefallen?

Mal sehen … weiß nicht ob ich’s hinkriege.

Weißt du es kommt vor allem auf den Willen und auf´s Anstrengen an, den anderen Freude zu machen, fuhr ihr Julia durchs Haar.

Und eins musst du wissen Schatz, wo ein Wille ist, beginnt meist das Wunder, ermutigte sie Peter.

Wir sind jedenfalls fertig oder Jan, schubste Marie ihren Bruder.

Aber sowas von, gab der kauend zurück.

Zwei Tage war Evi nicht aus dem Werkraum zu kriegen. Peter war ganz erstaunt, wie akribische sauber seine Tochter das kleine Zimmer jeweils verließ. Nichts deutete darauf hin, womit sie sich beschäftigte. Dann endlich erschien sie mit dem roten Säckchen, das prall gefüllt war und in goldenen Lettern die Zahl 24 trug.

Komm, häng es zu den anderen. Die warten schon, dass sie endlich komplett sind, forderte sie ihr Vater auf.

Und in der Tat über dem Esszimmertisch hingen an einer goldenen Schnur schon 23 gleiche Säckchen aufgereiht, bereit für den Beginn des Advents. Stolz und auch aufgeregt knotete Evi ihr Säckchen neben die anderen. Bin schon gespannt was ihr sagt, soll ich euch einen Tipp geben?

Krümel … du wolltest die 24. Jetzt wartest du mit uns auf die 24. Keine Andeutungen, keine Tipps, sonst ist die Überraschung hin. Freu dich lieber auf die ersten 23, meinte Jan. Die anderen nickten.

Manno, motzte Evi, aber ihr habt schon recht.

So kam der erste Dezember und ihrem Familien Ritual entsprechend reichte Papa den Sack mit den vier Nieten und dem Stern herum. Derjenige, der den Stern zog durfte das erste Päckchen aufmachen. Es traf Julia. Sie machte es besonders spannend und lies sich Zeit den kleinen Sack zu öffnen.

In eine Silberfolie war ein kleines Röllchen eingepackt. Behutsam löste sie es aus ihrer Hülle. Ein Gutschein für eine Schneeschuhwanderung für die ganze Familie mit anschließender Stadlparty und Übernachtung in einem Wellness Hotel im Bayerischen Wald.

Das war ja mal eine Ansage. Sie freuten sich alle, auch wenn die Überraschung etwas üppig war, wie Julia meinte.

Aber in den Ferien, und für uns alle verteidigte sich ihr Mann … und überhaupt hab ich den Wochenendtrip zum Firmenjubiläum geschenkt bekommen.

 

Die Tage vergingen und Päckchen um Päckchen wurde geöffnet. Ein Spieleabend, ein Reise Rommee, ein Buch, Gutscheine für diverse Hausarbeiten, ein Konzertausflug und vieles mehr, was die gesamte Familie betraf, wurden den kleinen Jutetaschen mit mehr oder weniger Überraschung entnommen. Und auf einmal war er da, der Heilige Abend.

Vor Aufregung hatte Evi ihre Mama, die sie zum Frühstück wecken wollte, schon angezogen empfangen. Als sie alle am Tisch versammelt waren reichte Papa das Säckchen mit dem Stern in die Runde. Darf ich um etwas bitten? meldete sich Evi.

Und zwar?

Können wir meine Überraschung erst heute Abend vor der Bescherung aufmachen. Es wär einfach schöner. Voller Erwartung musterte sie mit ihren großen Augen die Familie.

Mir egal, meinte Jan.

Ok, auch wenn ich gern gewusst hätte was sich der Knirps hat einfallen lassen, meinte Marie. Sie war es, die den Stern gezogen hatte.

Also abgemacht unter dem Baum, vor der Bescherung und jetzt Frühstück, schloss Peter das Verfahren bestimmt ab.

Danke, ihr seid Spitze. Evi gab dem kleinen Säckchen das über ihr baumelte einen kleinen Stups. Ihr werdet Augen machen, versprochen.

Der Tag zog sich und bei Evi stand nicht der Gedanke an die Bescherung im Vordergrund. Es war die Aufregung ob ihre Überraschung ankommen würde.

Punkt 17.30 Uhr, nachdem sie mit vielen anderen Bekannten und Freunden an der traditionellen öffentlichen Weihnachtsfeier am Stadtplatz teilgenommen hatten, versammelten sie sich im Wohnzimmer unter dem prächtig geschmückten Baum.

Marie hatte das Säckchen in der Hand und zog behutsam ein sauber gearbeitetes rechteckiges Kästchen heraus, das ganz schwarz lackiert war.

Aufmachen und genau hinschauen, klatschte Evi nervös und begeistert in die Hände.

Die Lichter am Baum schienen noch ein wenig heller zu leuchten, als Marie behutsam den Deckel hob. Ganz plötzlich war der kleine Raum in ein unirdenes Licht aus Gold getaucht, das dem Kästchen zu entströmen schien. Es strahle hell und erlosch nach wenigen Augenblicken.

Innen war das Kästchen fein säuberlich mit Spiegeln ausgekleidet. Am Boden waren Licht starke LED Lämpchen angebracht.

Das war das Schwierigste, betonte Evi aufgeregt, die ihnen die gelungene Überraschung ja erklären musste. Ich wollte euch allen jeden Tag ein Stück Sonnenschein schenken, wie Mama es sich gewünscht hat. Gott sei Dank kenn ich den Papa vom Mark aus meiner Klasse. Der arbeitet im Baumarkt und hat so lange mit mir gesucht bis wir richtig golden leuchtende LEDs gefunden haben. Dann hat er mir auch noch mit der Installation geholfen, dass das Licht angeht, wenn der Deckel aufgeht. Voll nett, oder? Aber den Rest hab ich ganz alleine gemacht und mir mit Papas Laubsäge fast den Finger abgemacht, dramatisierte Evi.

Muss schon sagen Knirps: Überraschung gelungen. Super gemacht. Aber ich hätt jetzt echt Bärenhunger auf Würstchen, die platzen gleich, meinte Jan.

Als Peter Brenner am späten Abend, die Kinder waren zu Bett, das schwarze Schächtelchen genauer untersuchte war er perplex. Evi hatte vergessen die Knopfbatterie einzusetzen, die lose auf dem Boden lag. Wie um alles konnte … ?

Er deutete auf das Innere des Kästchens … Julia nickte. Ich weiß, ich hab auch schon geguckt … Es gibt wirklich Dinge zwischen Himmel und Erde, die kann man nicht erklären. Wie hast du so schön gesagt? Da wo ein Wille ist beginnt oft das Wunder. Sie küssten sich und fast konnte man glauben, der Engel der seit Generationen die Spitze der Brennerschen Familienchristbäume zierte würde ihnen zuzwinkern.