24. Adventsgeschichte

Weihnachtszeit

Copyright Uwe Brandl Nov 17   Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg   

Der Alte Kreuzhof vom Sebastian Anzenbichler war immer noch sauber beinand. Genau wie sein Eigentümer. Der Wast, wie sie ihn im Dorf riefen, stand erst in den Fünfzigern. Aber er ist in seinem Kummer recht schrullig geworden, nachdem sein Weib vom Herrgott heimgeholt worden war, im letzten Jahr.

Florian, der einzige Bub hatte es nicht ausgehalten auf dem Einödhof, hoch oben in den Ammergauer Bergen. In die weite Welt hatte es ihn gezogen. Fast sechs Jahre war das jetzt schon her. Der Wast hockte in der Bauernstube und stierte trübsinnig auf die Fotografien, die auf dem Tisch ausgebreitet lagen.

Nicht einmal zur Beerdigung seiner Mutter war er gekommen. Geschäfte in China hatten ihn abgehalten … den Rotzkrüppel … Wast schnaubte verächtlich und packte die Aufnahme weg. Sie zeigte einen aufgeweckten jungen Burschen in krachlederner Bux neben einem blonden Mädel mit Gretel Zöpfen, das ein fesches Dirndl trug.

Tanzt hast wia der Lump am Stecken mit der Marei. Wärst nur grad dabliebn Bua. Sie hätt dich so gern gsehn, seufzte der Wast. Er schob den Schuhkarton voller Erinnerungen wieder in die Nische oberhalb des großen Grundofens, der die Stube mit bullernder Hitze wärmte.

Die Holzvertäfelung verlieh der Stube einen gesunden, natürlichen Duft nach Zirbe, und die drei brennenden Adventskerzen tauchten die rustikale Bauernstube in ein weiches Licht. Der Herrgott schien heut ganz besonders bedauernd von seinem Kreuz zu schauen, das dort in der Ecke hing.

Streit hamma doch eigentlich koan ghabt, sinnierte der Wast und kippte den zweiten Enzian hinunter. Prost Advent, auf di und mi murmelte der Anzenbichler und erhob sich schwerfällig von der Bank, die kunstvoll in den Zimmererker geschreinert war. Die hatte er mit Florian selbst gebaut. Wär ein guter Schreiner worn, aber na studieren hat er müssen … Maschinenbau … in München. Wast schlurfte zur Ofenbank und ließ sich ächzend nieder. Die Wärme, die der weiß gekalkte Schamott abgab tat seinem Kreuz gut.

Sein Weib die Resl hatte den Fori immer unterstützt. Der Bub is so schlau und begabt. Da muss man ihn doch fördern. Der Pfarrer hat sich im gleichen Sinn eingemischt und der Schullehrer auch … und so is es dann kommen, wie’s halt kommen muss. As Fernweh hat ihn packt,  den Flore. Raus musst er aus den engen Bergen. Und weil er kein Schlechter war, hams ihn auch nach dem Studium gleich brauchn können. Die von dem großen Konzern.

Die Marei, Floris erste große Liebe hatte sich die Augen ausgeheult, als er ihr kurz vor Weihnachten mitteilte, dass er für seine Firma nach México gehen will.

Und was wird aus uns, hat Marei verzweifelt gefleht. Magst mi denn nimmer?

Ah Marei mögn? Freilich mag ich dich und noch mehr, aber …

Aber was?

Aber des konn ned alles gewesen sei in meim Lebn.

Wo’s des?

Na des da herobn aufn Hof. Des Enge da. I muss einfach raus. Verstehst des ned?

I versteh blos dass du weg wuist vo mia … du … Marei ballte die Hände und verließ die Stube. Auf dem großen, selbst geschreinerten Holztisch in der Nische brannten drei rote Kerzen traurig in dem Adventskranz den Flori´s Mutter wie jedes Jahr gebastelt hatte. Die Anzenbichlerin saß verstört am Tisch, eine Träne lief ihr übers Gesicht. Sie schüttelte den Kopf.

Bist echt ein trumm Depp, Bua hörte sie der Anzenbichler sagen. Er starrte in das Kerzenlicht,das heuer auf seinem Kranz brannte. Die Stube war leer. Er war allein mit sich und den Erinnerungen, die ihn grade an Tagen wie heute arg quälten.

Am nächsten Tag war er dannweg gewesen der Flori. Ohne Adieu. Von niemanden hatte er sich verabschiedet. Auch nicht von der Marei, mit der er über acht Jahre mehr als die Leidenschaft zum Volkstanz und zur Natur geteilt hatte. Nicht einmal das Studium hat die beiden auseinanderbringen können. Jetz war auf einmal alles anders.

Die Marei hat dann Erzieherin gelernt und arbeitet im Kindergarten der Pfarrei. Ihr Vater besaß ein großes Sägewerk und eine Schreinerei. Flori hatte dort oft ausgeholfen und sich während des Studiums so immer was dazuverdient. Für den Plenk Johann, Mareis Vater war es a ausgemachte Sach, dass sein Schwiegersohn den Betrieb einmal übernehmen würde. Wie seine Tochter damals völlig aufgelöst heim gekommen ist, hätt er den Sauhund am liebsten derschlagen.

Misch di ned ein, hatte ihn seine Frau, die Traudl zurückgehalten. Wer weiß wozu es gut is. Lieber jetz bevor Kinder da san und ihn as Fernweh packt.

Schwerfällig zog sich der Wast die Schnürer an. Er wollte noch ins Wirtshaus. Hier herin fiel ihm eh nur die Decke auf den Kopf.

Er konnte es nicht verstehen. Nur ein paar Karten hatte der Bub für sie übrig gehabt. Kein Besuch, kein Telefonat all die Jahre.

Obwohl ihm nach einem richtigen Fetzen Rausch war, kam der Anzenbichler an diesem dritten Advent relativ passabel nach Haus, legte sich ins Bett und überließ sich seinen wehmütigen Träumen.

Die Woch über war der Selmer, wie der Anzelbichler mit Hofnamen gerufen wurde richtig gefordert. Er musste die Rösser versorgen und für den Heiligen Abend den Schlitten und das Geschirr herrichten. Außerdem hatte es kräftig geschneit und er war mit seinem Schlepper für´s Schneeräumen in der Gemeinde zuständig. Da hieß es früh raus und spät heim. Zum Nachdenken und Sinnieren blieb da ned viel Zeit.

In der Nacht von Samstag auf den vierten Adventssonntag hörten die Niederschläge auf. Das Ammergauer Land war in eine dicke Schneedecke gepackt. Die Luft war klar und schneidend, der Himmel blau wie der Ozean und alles schien erstarrt in Sehsucht und Erwartung.

Der Schnee knirschte unter seinen schweren Bergstiefeln, als der Selmer in die Morgenmesse ging. Die Leut grüßten ihn freundlich, und der eine oder andere gab ihm einen fkameradschaftlich aufmunternden Klaps auf die Schulter. Sie mochten ihn im Dorf und bedauerten ihn, der Frau und Sohn verloren hatte.

Wast nahm in der zweiten Reihe Platz … wie immer und nickte den Plenks zu, die auf der anderen Seite saßen. Der Pfarrer predigte über Glaube, Liebe und Hoffnung … passend zur Zeit.

I tät so gern glauben, dass alles wieder gut wird, dass mein Flori die Liebe zurück bringt … Na, na dachte sich der Wast versonnen, na Herrgott ich möcht net nur glauben! Es is mei ganze Hoffnung und i wünsch mir jetz einfach, dass wirklich alles gut wird.

Nach der Kirch war der Selmer irgendwie befreit, gelöst und voller Zuversicht. Seine Schritte führten ihn nicht ins Wirtshaus, sondern schnurstracks ans Grab zu seiner lieben Frau, das direkt neben der Kirche lag. Resl, ich weiß alles wird gut flüsterte er. Fast meinte er, als würde ihm das Bild, das am schmiedeisernen Grabkreuz befestigt war aufmunternd zulächeln.

Zuhause angekommen machte sich der Anzenbichler daran, die Bude auf Vordermann zu bringen. Er wischte, saugte, spülte ab und bezog die Betten neu. Auch in Floris Zimmer. Dann, es war spät geworden, machte er sich einen Kaffee, zündete vier Kerzen am Adventskranz an und holte die Schuhschachtel voller Erinnerungen vom Ofen. Spät Abends ging er zu Bett, das Herz voller froher Erinnerungen.

Die letzten Tage vor dem Hochfest verging wie im Flug. Und fast war dem Anzenbichler als ob die Leut um ihn herum besonders freundlich und hilfsbereit seien. Jeder fragte wie es ihm ging und er wurde mit Gebäck, Stollen, Würsten und Einladungen geradezu überschüttet. Als er beim Metzger die letzten Besorgungen für den Heiligen Abend machte, traf er auf die Traudl Plenk. Griass de Traudl, schön dich zu sehn.

Servus Selmer, geht´s dir gut?

Mei, wia soll’s am Oaschichtign an so am Dog scho geh. Aber weilst fragst i hätt a Bitt

Und de war?

Der Anzenbichler druckste verlegen. Moanst ned, michats es oiso du, da Hans und de Marei ned Weihnachten heuer bei mir feiern?

Du des passt eitz grod. Wirst es nicht glauben aber uns is justament heut am Heiligen Abend die Heizung varreckt … und Handwerker brauchst da koan oruafa. Mia kemman gern. D Würscht bring i mit.

Prima, Sauerkraut hob i scho gemacht und Brot und Semmeln hol i glei no frisch vom Bäck, freute sich der Wast. Schee! Des is mir die größte Christfreud! Des wird richtig gemütlich … wenn Ihr Lust habt’s gehen ma nach da Bescherung no in´d Mettn.

Na sicher mach mer des. Bin scho gspannt auf dein Bam, Wast. Um fünfe?

Fünfe is recht, fünfe war bei uns immer Essenszeit.

Bei uns a. Mia kemma a bissl früher, dass d Wirscht pünktlich zeitig san

Oiso dann

Bis später Wast … und Dankschen, wir gfrein uns echt.

Punkt fünf standen duftendes Sauerkraut, ein Topf dampfender Würste, Brot, Semmeln, Senf und alles was das Herz begehrte auf dem Anzelbichlerschen Erkertisch. Die Stube war gemütlich warm. Draußen ließ ein frostiger Wind kleine Flocken tanzen. Es hatte wieder begonnen zu schneien. Da würde der Selmer wohl morgen früh ranmüssen. Egal! Jetzt war erst einmal Weihnachten, und die fröhlichen Gesichter der Plenks ließen das Herz vom Selmer Wast höher schlagen. Fast wie früher dachte er.

Da hast aber einen schönen Baum, bemerkte die Marei, die seine Gedanken zu erraten schien.

Wohl, hab ihn gestern frisch geschlagen und die Kugeln von der Großmutter rausgeholt. Extra für euch. Die Wachskerzen zünden …

Zünden wir erst bei der Bescherung an, wie immer, ergänzte eine Stimme.

Flori ! Marei war aufgesprungen … du?

Ja, der Depp is wieder da, murmelte der schlaksige junge Mann, der verlegen in der Tür stand. Darf i rei?

Derf i rei du Hirsch du gselchter, des is dei Hoamat. Hock di her, blies ihn der Plenk an, der ebenso perplex war, wie die andern.

Griass enk. … Marei … i ….

Ned jetz Flori, jetz ess ma erscht.

Bap, es tuad ma leid. Da lagen sich die beiden Anzenbichlers in den Armen und heulten Rotz und Wasser. Der Herrgott oben am Holzkreuz  in der Ecke lächelte … er wusste wofür er das Leid auf sich genommen hatte.

Das war die schönste Bescherung, die den Plenks und dem Selmer jemals vergönnt war. Das Hallo im Dorf nach der Christmette kann man sich vielleicht annähernd vorstellen.

Ach ja und die Liebe … Flori war auch oder vor allem wegen Marei zurückgekommen. Er hatte sie während der letzten sechs Jahre vermisst wie nichts auf der Welt. Eigentlich wollte sie ihm ja nicht so schnell verzeihen, aber was kann man gegen die wahre Liebe schon machen … und schließlich war Weihnachten. Die Dörfler, die am ersten Feiertag zur Frühmette unterwegs waren schüttelten nur amüsiert den Kopf, als sie Flori und Marei verliebt im Schlepper sitzen sahen.

Die beiden sich viel zu erzählen, und der Selmer war nach dem achten Wiedersehensfreude Enzian ebenso wenig in der Lage den Räumdienst zu versehen, wie der Plenk Hans. Sicher war: das Weihnachten würden sie allesamt nie vergessen.