3. Adventsgeschichte

Das Herz aus Stein

Copyright Uwe Brandl Nov 17  Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg

Schaut mal was ich gefunden habe. Aufgeregt reichte Miriam ihrem Vater den faustgroßen, gelblichen Stein, der am Wegrand unter einem Olivenbaum gelegen hatte. Er besaß eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem menschlichen Herzen. Trotz der flirrenden Hitze, die über dem Hügel Golgotha waberte, fühlte er sich kühl und … irgendwie lebendig an. Für den hier typischen, brüchig zerklüfteten Kalk war der Brocken außergewöhnlich konsistent und glatt.

Sie waren von der Stadt aus über den Kreuzweg hochgewandert und wollten dorthin, wohin es die meisten Pilger aus dem christlichen Abendland zog. Zur Richtstätte, dem Ort, an dem sie Jesus vor mehr als 2000 Jahren ans Kreuz geschlagen hatten.

Sechs Tage waren Miriam und ihr Bruder Paul mit ihren Eltern Hans und Klara Millstadt nun schon im heiligen Land unterwegs. „Auf den Spuren des neuen Testaments“, wie der mehrseitige Reiseprospekt angepriesen hatte.

Die Broschüre war ihnen allen vor drei Monaten sofort ins Auge gestochen. Aus welchen Gründen auch immer. Obwohl sie keine streng praktizierenden Christen waren sprachen sie die begeisterten Schilderungen des Reiseberaters derart an, dass sie noch am selben Tag gebucht hatten. Familie Millstadt besaß keine Reichtümer, die Eltern waren Lehrer und davon überzeugt, dass Bildung und Weltoffenheit die besten Voraussetzungen für ein erfülltes und glückliches Leben seien.

Deshalb leisteten sie sich zumindest einmal im Jahr einen ausgedehnten Bildungsurlaub, an dessen Ende sie sich üblicherweise einen fünf bis sieben tägigen Erholungsaufenthalt an den schönsten Stränden dieser Erde gönnten. Vor allem dafür nahmen die Kinder die meist anstrengenden Trips durch die Relikte vergangener Epochen und die Ausflüge in und auf die Bauwerke längst versunkener Kulturen gern in Kauf. Miriam und Paul waren jetzt auch in einem Alter, in dem sie es Wert schätzten die Welt und ihre Geheimnisse selbst zu entdecken.

Hans Millstadt wog den Stein interessiert in der Hand. Sieht eigenartig aus, meinte er. Wo hast du den her sagst du? Miriam deutete auf den Ölbaum der etwas abseits vom Weg stand. Interessiert näherten sie sich der Stelle. Unzählige Steinbrocken säumten den Platz um den Strauch mit dem knorrigen Stamm, der wohl schon einige Jahre gesehen hatte. Im schattigen Schutz seine blausilbern glänzenden Blätter brachen sich die ersten Fruchtstände Bahn.

Weiß auch nicht warum er mir aufgefallen ist. Ich war völlig in Gedanken und plötzlich schimmerte es da ganz rot.

Hat dir die Sonne das Hirn rausgebrannt Schwesterherz, feixte Paul. Wo bitte ist hier was rot. Das Ding mag ausschauen wie ein Herz ok, aber es ist nur ein Stück Kalkstein, ein Brocken von Tausenden.

Miriam zuckte mit den Schultern. Keine Ahnung ich musste ihn einfach aufheben. Erst dann hab ich bemerkt, dass er aussieht wie ein Herz.

Wir sind hier an einer besonderen Stelle. Klara deutete auf eine kleine Tafel die in mehreren Sprachen darüber Auskunft gab, dass genau hier Jesus unter der Last des Kreuzes zusammengebrochen war. Die Familie  schwieg betroffen.

Den nehm ich mit. Entschieden packte Miriam das steinerne Herz in ihren Rucksack. Das war kein Zufall, da bin ich mir sicher.

Ob das so eine gute Idee ist. Hans Millstadt kratzte sich am Kopf, wie immer, wenn er überlegte. Die Behörden hier sind ziemlich streng wenn es um archäologische Funde geht.

Mensch Paps lass sie, ist doch nur ein blöder Stein, bemerkte Paul.

Vier Tage später standen sie im check in des Flughafen Tel Aviv. Sie hatten eine Menge gesehen und freuten sich ihre Eindrücke in den nächsten Tagen am Strand von Zypern sacken zu lassen. Der Robinson Club Aldiana, den Mama ausgesucht hatte, würde keine Wünsche offen lassen, und die Insel der Aphrodite stand für Sonne und Strandvergnügen pur.

Darf ich einen Blick in ihren Rucksack werfen junge Dame, fragte der Beamte an der Kontrolle mit einem Blick auf den Monitor des Gepäckscanners.

Natürlich, Miriam öffnete die Deckeltasche. Der Uniformierte griff hinein und beförderte den Stein ans Tageslicht. Was haben wir denn da fragte er erstaunt.

Das ist ein Stück saxi calcis, Kalkstein, mein Glücksbringer.

So so, Glücksbringer, sieht fast aus als hätten sie jemandem das Herz gestohlen, zwinkerte der Polizist Miriam zu. Danke schön, Sie können passieren.

Schwein gehabt murmelte ihr Paul zu.

Sie erreichten die Anlage am späten Abend. Sie waren alle ziemlich geschafft und gingen nach einem kleinen Imbiss ins Bett. Morgen war Strand, Sonne und Faulenzen angesagt, vielleicht ein bisschen Schnorcheln, Volleyball … Miriam glitt hinüber ins Reich der Träume.

Los steh auf, weiter, hoch mit dir. Unter dem Gejohle der Massen, die den Wegrand säumten hieb er mit seiner Peitsche auf den blutenden und geschundenen Körper des Nazareners ein. Der Blick, dem ihm der hagere Mann, dem man eine Dornenkrone aufs Haupt gedrückt hatte zuwarf, ließ ihn im nächsten Schlag erstarren. Da war kein Hass, keine Abscheu! Da war nur Mitleid und Liebe, die aus diesen Augen sprachen. Er packe ihn unsanft am Arm und zog ihn hoch.

Einer der Zuschauer hatte sich  aus der Menge gelöst und hob das schwere Holzkreuz auf seine Schultern. Der Soldat ließ ihn gewähren. Als er neuerlich auf den Verurteilten einschlagen wollte, um ihn zum Weitergehen anzutreiben, fuhr dem Soldaten ein Stich in die Brust, der ihm die Luft raubte. Mit einem knirschenden Geräusch fiel ein blutroter Klumpen zu Boden und rollte unter den Olivenbaum, der den Wegrand säumte.

Das war dein Herz nicht war, hörte sich Miriam sagen. Ihr gegenüber stand ein gedrungener Mann im Harnisch der römischen Legion. Die Sonne brannte auf seinen goldenen Helm. Schweiß lief ihm über´s Gesicht. Der Soldat nickte. Ich bin Jeremias. Zusammen mit Longinus diente ich unter dem Hauptmann Petronius im Jahr 31 nach der Geburt eueres Herrn. Pilatus hatte ihn, den sie Jesus nannten, verurteilen lassen und ich gehörte zu denen, die … Jeremias stocke.

Warum, Miriam stammelte verzweifelt, warum hast du, wie konntest du ? …

Es war der Befehl. Ich weiß, dass ich Unrecht getan habe. Ich habe es gespürt, als er dort am Boden lag mit der Dornenkrone am Kopf, blutend und geschunden. In dem Augenblick, als ich ihn schlug, ihn der Mob bespuckte und beschimpfte, da sah ich unendliche Güte und Liebe in seinen Augen und unsägliche Trauer. Trauer über uns, unser unvollkommenes, erbärmlich gottloses Menschsein. Dieser Blick hat mir das Herz aus der Brust gerissen. Er deutete auf den Stein, der rot pulsierend auf dem Nachttisch lag.

Seit zweitausend Jahren finde ich, wie so viele, keine Ruhe. Der Fährmann verweigert uns die Überfahrt. Jeremias hob seinen roten Umhang. Durch ihn hindurch sah Miriam eine Legion Verzweifelter, die Arme Hilfe suchend erhoben; die Gesichter vor Seelenpein zu Fratzen verzerrt. Miriam schlug die Hände vor´s Gesicht, soviel Leid konnte sie nicht ertragen. Du bist meine Hoffnung seufzte der Soldat. Wir alle sind verdammt unsere Erlösung zu suchen.

Was kann ich tun fragte Miriam verzweifelt. Du hast geholfen einen Menschen zu töten. Er war mit verantwortlich für den folgenschwersten Mord der Geschichte … und er war seinem Schicksal ausgeliefert … eine verirrte Seele, hoffnungslos, ruhelos, ohne Heimat … dennoch, sie hatte Mitleid mit ihm.

Vorsichtig nahm sie den Stein in ihre Hände. Er war warm, glatt und leuchtete erwartungsvoll. Jeremias streckte seine Hand aus und versuchte verzweifelt sein Herz zu berühren. Es gelang nicht. Als Miriam seine Verzweiflung sah wurde sie von einer unendlichen Traurigkeit erfasst. Sie weinte zum Gott Erbarmen. Eine Träne löste sich von ihrer Wange und fiel auf das steinerne Herz.

Als der silberne Tropfen den Stein berührte hörte sie Jeremias sagen. Verzeih mir Mädchen, verzeih mir mein Herr, ich bereue so sehr und habe es verdient im herzlosen Nichts umherzuirren. Jetzt erkenne ich, dass nur du der Wahre und Einzige bist. Nur durch dich werde ich meinen Weg finden.

Da leuchtete der Brustpanzer des Soldaten strahlend auf; unendlicher Dank lag in Jeremias Augen.

Miriam wachte auf. Sie war wie gerädert. Der Traum … er war verwirrend und beängstigend real gewesen. Sie knipste die kleine Lampe an, um einen Schluck Wasser zu trinken. Wo war der Stein? Sie konnte ihn nicht finden.

Auf dem Nachttisch lag eine aufgeschlagene Bibel. Johannes 17,3 Sie las: Jesus betete: Darin besteht das ewige Leben: Die Menschen erkennen dich als den einzigen wahren Gott, und sie erkennen den, den du gesandt hast, Jesus Christus.