4. Adventsgeschichte

Die wundersamen Christbaumkugeln

Copyright Uwe Brandl Nov 17  Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg

Christbaumkugeln, wunderschöne Christbaumkugeln. Der alte Mann mit der großen Handglocke und den verfilzten, grauen Haaren, die ungestüm unter der Uschanka(1) hervorquollen mochte Annika so gar nicht gefallen. Nicht nur wegen des lauten Gebimmels und der tiefen Stimme, nicht nur wegen der weißen, ungezähmten Bartstoppel, dem weiten, graugrünen Mantel und der abgeschossenen Armeehose, die in langen Walenki, den altbewährten russischen Filzstiefel steckte. Nein, da war noch etwas Anderes. Sie konnte es nicht erklären. Sie wollte nur weg von hier, weg von ihm und zog ungestüm an der Hand ihres Kindermädchens Paula.

Weihnachtskugeln, ganz besondere Weihnachtskugeln bimmelte der Alte und fixierte Annika mit wachen Augen.

Na komm schon Kleene, ick brauch noch wat für meene Schwester zu Weihnachten. Bei dem glob ik könnt ik wat Jünstiges erstehen. Nu zick nich rum, hast mit heute schon jenuch Ärger gemacht. Paula zog das bockende Mädchen zum Stand des Alten.

Immer det selbe mit den jungen Fräuleins. Egal ob Weihnachten oder nicht. Sie wollen immer, allet und gleich, koste es was et wolle … und wehe, wenn nich. Bodenwerfen, Strampeln, Schreien, Tobsuchtsanfall, det janze Programm. Wat tu ik blöde Kuh mir det für die paar Groschen an, schimpfte Paula vor sich hin. Fünf Jahre war sie jetzt schon bei den Koslowskys Kindermädchen … sowas wie dieses Mädel hatte sie noch nicht erlebt, obwohl sie schon so lang im Dienst war.

Neun is se, aber stur wie eine Division Russenpanzer fuhr Paula fort und kramte in den Pappkisten des Alten, in denen sich wirklich schöne, und offenkundig handgefertigte Kugeln verschiedenster Farben, Größen, Formen und Materialen befanden. Der Alte nickte wissend und ließ Annika nicht aus den Augen. Er fixierte sie mit seinem Blick, wie ein Adler seine Beute. Dabei hörte er nicht auf, die riesige Handglocke zu schwingen, die dem Mädchen wie eine hämmernde Warnung in den Ohren klang.

Bald war Nikolaus, und die Herrschaft hatte Paula mit der Kleinen in die Friedrichstrasse geschickt um ein paar Besorgungen zu machen. Die Gnädige hatte wieder mal Migräne, und Herr Koslowsky war in seinem Büro damit beschäftigt, das Wirtschaftswunder der späten Fünfziger für Berlin … und natürlich für sich selbst kräftig anzukurbeln.

Er machte in Autos, verhökerten Wohnungen und schien ein Händchen fürs schnelle Geld zu haben. Nur für seine Familie und die Kleene, da hatte er weder ein Händchen noch einen Nerv. Sogar am Wochenende verzog er sich lieber in seinen Kabuff oder ging mit seinen „Geschäftspartnern“ in den Salon statt sich mit Annika abzugeben.

Zu oft drückte er der Gnädigen ein Bündel Geld in die Hand … macht euch einen schönen Tag ihr zwei Hübschen. Das war sein Spruch. Das Geld nahm die schon, um es im Tanzcasino mit zwielichtigen Herrenbekanntschaften durchzubringen.

Auch Frau Koslowsky konnte mit Annika nichts anfangen. Die war halt da, weil ein Kind zu einer gut situierten Familie gehörte. Hübsch und adrett anzusehen war das Kind, mit ihren goldenen festen Zöpfen, dem glatten, wachen Gesicht, in dem eine aufmüpfige, niedliche Stupsnase saß. Leider war sie halt auch ziemlich schlau und litt deshalb ganz besonders unter der Tatsache, dass sich ihre Eltern weder um sich, noch um sie etwas scherten.

Anders als andere Kinder das getan hätten zog sich Annika nicht in sich selbst zurück, sondern entwickelte sich mehr und mehr zu einem wahren Satansbraten. Ob Schule oder Zuhause. Sie ließ keine Gelegenheit aus um richtig Radau zu machen. Man sah es der Kleinen nicht an, aber sie hatte es faustdick hinter den Ohren.

Erst gestern war ihre Mitschülerin Klara schreiend aus der Klasse gerannt. Annika hatte ihr in der Pause eine Maus in die Schürze gesteckt, und die war von dort aus schnurstracks in Klaras Haare hochgeklettert. Das dann folgende Chaos übertraf alles, was Annika erwartet hatte. Matz, der Klara zuvor hatte warnen wollten saß mit einer blutigen Nase in der Bank.

Die hier nehm ik. Paula hatte sich aus der größten Kiste eine Kobalt blaue Kugel gefischt. Sie war durchsichtig. Im Inneren stand ein Schneemann. Und wenn man die Kugel drehte, wirbelten Schneeflocken um seinen Bauch. Das sah lustig aus und das farbige Glas brach das Licht so, dass es aussah als tobe im Inneren der Kugel ein fürchterlicher Sturm.

Hm, die is gut gegen trübe Gedanken brummte der Alte.

Ob der Soldat war? fragte sich Annika und musterte ihn verstohlen.

Soll ich sie einpacken?

Das wär sehr nett, meinte Paula. Ja, bitte.

Der Alte steckte die Kugel in eine nette Schachtel um die er mit seinen klobigen Fingern geschickt eine rote Schleife band. Macht eins fünfzig. Paula zahlte.

Und du liebe Annika, er wandte sich abrupt dem Mädchen zu … übermorgen ist Nikolaus … sie nickte verdutzt, woher kannte er ihren Namen? Hast du schon ein Geschenk für deine Eltern fragte er?

Wieso Geschenk für meine Eltern, stammelte Annika. Die machen sich doch eh nix aus mir, was soll ich denen denn schenken? Die drücken mir Geld in die Hand und das war´s mit Nikolaus. Sie unterdrückte das schneidende Gefühl von Einsamkeit, die Verzweiflung, die sie mit sich herumschleppte … wozu war sie überhaupt auf der Welt. Niemand mochte sie. Nur Oma, und die lebte in München. Sie wandte sich ab. Sie wollte nicht, dass er ihre Augen sah.

Weißt du, sprach der Alte sanft. Vielleicht ist dein Papa nur noch nicht auf die Idee gekommen, dass es wichtigere Dinge als Autos, Wohnungen und Geld gibt.

Ach ja, schnaubte Annika verächtlich und was wäre das?

Wie wär´s mit Familie und Zufriedenheit hörte sie den Alten sagen.

Und wer bringt ihm das bei? Sie?

Ach weißt du, ich habe schon viel erlebt in meinem Leben, viel Glück gehabt, viel ertragen; aber eines hab ich nie, nämlich die Hoffnung aufgegeben. Hier, das ist für dich. Er drückte Annika eine knallrote Schachtel in die Hand. Aufmachen erst am Nikolaustag und zwar zusammen mit deinen Eltern verstanden.

Dankeschön, das ist aber sehr nett. Was bin ich schuldig?

Vielleicht wäre es dir möglich bis zum sechsten Dezember zu deinen Mitmenschen etwas freundlicher zu sein. Das wäre mir Lohn genug und dir würde es guttun.

Was haben sie davon, wenn ich mich benehme, fragte Annika.

Sagen wir mal so. Ich sammle gute Taten, wie andere Briefmarken und hab meine Freude dran, ist das Antwort genug?

Annika zuckte mit den Schultern, nahm Paulas Hand, die sich angeregt mit Frau Bollermann der Nachbarin unterhielt, die ihr justament über den Weg gelaufen war.

Können wir bitte nach Hause Paula, mir ist ein wenig kalt.

Biste krank oder hab ik da tatsächlich bitte jehört, fragte das Kindermädchen verdutzt.

Bitte können wir gehen, mir ist etwas kühl wiederholte Annika.

Da brat mir aber ener einen Storch. Et jeschehen ja doch noch Zeichen und Wunder, wa. Na denn komm. Der Alte sah den beiden nach und lächelte kopfschüttelnd.

Annika hatte es ja nicht geglaubt, aber am Niklasabend waren Papa und Mama tatsächlich zu Hause. Sie saßen im Salon, tranken Tee und unterhielten sich angeregt miteinander. Da bist du ja endlich Schatz, wo warst du denn so lange, wir haben schon auf dich gewartet, willst du eine Tasse Kakau, fragte die Mutter.

Au das wäre fein. Annika setzte sich zu Ihnen und stellte das rote Päckchen auf den Tisch. Für euch, schönen Nikolaus wünsch ich.

Für uns? Die Eltern sahen sich verdutzt an. Danke, das ist aber lieb. Wir haben auch etwas für dich. Papa reichte Annika eine Schachtel.

Darf ich? Die Eltern nickten. In der Schachtel lag die schönste Puppe, die sie jemals gesehen hatte. Gestern noch hatte sie davon geträumt genau so eine zu haben.

Jetzt ihr. Die Koslowskys lösten die Schleife und öffneten das kleine Paket.

Aus dem Inneren schimmerte es golden. Edith, so hieß Annikas Mutter, hob die zerbrechliche Glaskugel vorsichtig aus der Verpackung und hielt sie gegen das Licht.

Siehst du das Heinz … wie hübsch. Koslowsky nickte gerührt. Er sah sich und seine Edith im Sonnenlicht auf der Parkbank sitzen, wo er ihr vor 10 Jahren seine Liebe gestanden hatte.

Ediths Augen leuchteten, als sie die drei Personen in der Kugel sah, die auf einer Decke unter dem großen Weidenbaum Picknick machten und vergnügt scherzten. Sie ihr Mann und dazwischen ihre Kleine, knapp zwei musste sie damals gewesen sein.

Annika wischte sich eine Träne aus den Augen … die Kugel hatte ihr den Augenblick gezeigt, als sie mit ihren Eltern und der Oma im Münchener Tierpark mit den kleinen Schimpansen spielten. Opa war dort Chef und hatte das ganz ausnahmsweise erlaubt.

Wat denn hier los. Trauerfall oder wat. Paula war hereingeplatzt. Draußen wär son oller Knilch. Will rin in de Stube. Sieht fast aus wie der Nikolaus meinte sie völlig perplex. Wer hatte die Koslowskys denn ausgetauscht?

Der Heilige Nikolaus bescherte die Koslowskys an diesem Abend reich. Nicht mit aufwändigen Geschenken, nein mit einer großen Portion Liebe. Er hatte nur ein Paket dabei. Darin war eine weitere Weihnachtskugel. Eine ganz besondere. Sie war rot und dennoch durchsichtig. In ihr schien warm die Sonne und unter dem alten Baum am See scherzte eine glückliche Familie.

Wunder geschehen immer wieder, wenn man an sie glaubt, hatte er sich lächelnd von Ihnen verabschiedet. Als der Alte im Ornat des Heiligen aus dem Salon schlurfte hatte ihn Annika längst erkannt. Also äußerlich wäre es nicht möglich gewesen, dazu war die Verkleidung zu perfekt … aber die Walenki … oder war das jetzt keine Verkleidung?

(1) Wintermütze der russischen Armee