5. Adventsgeschichte

Die vergessene Weihnacht

Copyright Uwe Brandl Nov 17 Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg     

Da war doch was, was wollte ich nur, dachte sich James Coburn, als er sich mit einem Kuss, wie jeden Morgen von seiner Frau Margret verabschiedete. Sag, habe ich nicht was vergessen, fragte er sie.

Ich wüsste nicht, antwortete sie und schob der sechsjährigen Mary Ann ein Stück Toast in den Mund. Alles wie immer. Er starrte auf seine kleine Tochter … Mary … woran erinnerte ihn das nur … er schüttelte den Kopf. Joseph, sein Sohn war schon vierzehn und kaute mit amüsiertem Blick an seinem Toast. Er war der Stammhalter und schüttelte nur den Kopf … Du wirst einfach alt, Dad, akzeptiers endlich. Da ticken die kleinen Grauen ab und an nicht mehr ganz im Gleichschritt. Jo wackelte mit der Hand vor dem eigenen Kopf.

Sei nicht so frech zu deinem Vater, ermahnte ihn Margret. Der ist schon noch gut drauf, besser als manch Junger.

Ja, Mom, von einer beginnenden praesenilen Demenz mal abgesehen hast du Recht, feixte Jo und erhielt dafür von seinem Vater einen ermahnenden Klaps.

Na, dann, bis heut Abend, Bande. James verließ winkend die große Essküche.

Bis dann Dad, rief ihm Elisabeth, seine Zweitgeborene nach. Ob er es heute endlich merken würde? Es war seine und ihre letzte Chance … sonst …

Was schaust du so traurig Kleines? Bedrückt dich etwas? Margret fuhr Elisabeth zärtlich durch die schwarze Wuschelmähne. Du hast doch was! Sie wusste, dass die 12-Jährige nicht besonders gern über ihre Probleme sprach. Im Gegensatz zu den beiden anderen war sie zurückhaltend, still, immer mehr um die anderen, als um sich selbst besorgt. Sie war ihr gutes Gewissen, der Sonnenschein der Familie und es bedrückte Margreth sehr, dass sie so verschlossen war, wenn ihr etwas auf dem Herzen lag.

Elisabeth biss sich auf die Lippen. Sie war verzweifelt. Sie durfte nichts sagen. Sie hatte es versprochen. Hoch und heilig. Wie hatte das alles nur geschehen können … es war einfach ein Alptraum … und ihre Familie spielte darin die Hauptrolle. Sie starrte auf den Adventskalender, der neben der Zimmertür hing. Die Türchen waren schon seit dem siebten Dezember alle aufgerissen. Aus den leeren Plastikschalen, in denen sich Schokostückchen befunden hatten starrten ihr bunt traurige Bilder entgegen. Dem Weihnachtsmann, der hinter der Nummer sechs sein Zuhause hatte, waren Verdruss und Kummer ins Gesicht geschrieben.

Hast du mir mein neues iphone schon besorgt Ma, fragte Jo.

Heut Nachmittag fahr ich in die Stadt, flötete die.

Aber das sollte er doch erst … als besonderes … Elisabeths Blick fiel ins Wohnzimmer wo sich unzählige Schachtel stapelten. Brettspiele, Puppen, Kinderwägen, Skiausrüstungen, ein Fahrrad, ein Riesen Trampolin. Sogar ein Roboter, der auf Zuruf kalte Getränke servierte, drehte auf dem Parkettboden geschäftig seine Runden.

Nicht nur Coburns Wohnzimmer glich einem weihnachtlich zum Bersten gefüllten Bazar. Das ganze Haus war Rand voll mit allen nur denkbaren Geschenken. Heute, nach Mums Einkauf würden es noch mehr sein, und wenn Dad nach Hause kam sicher eine zusätzliche Geschenke Portion oben drauf.

Sie schleppten an, was ihnen gerade unter die Finger kam, und Jo verlangte wonach immer ihm der Sinn stand. Ihre Eltern und Geschwister hielten das offensichtlich für völlig normal. Genau 18 Tage ging das jetzt so. Das ganze Leben der Coburns bestand nur noch aus … Geschenken … bald würde es nichts mehr geben, was sie nicht schon hatten. Außer Zufriedenheit dachte Elisabeth. Jeder Wunsch erfüllte sich, das Gefühl von Freude stellte sich nicht ein.

Heuer erwisch ich den Weihnachtsmann, hörte sie ihren Bruder ins Handy flüstern. Er telefonierte mit seinem besten Freund.  Das war am Fünften Dezember in der Nacht gewesen. Er hatte sie nicht gesehen, weil sie hinter der großen Couch mit ihrer Puppe Nancy Verstecken spielte.

Ich leg mich heute auf die Lauer und schnapp mir Santa, hatte Jo sich gebrüstet.

Da bin ich dabei, hatte sich Elisabeth gedacht und war spät am Abend leise nach unten geschlichen. Neben dem Klavier befand sich eine große Standuhr. Ein Erbstück von Grandpa. Hinter der Tür, die nur halb verglast war und durch die man das große Pendel und die Zuggewichte sah, befand sich ein Hohlraum. Den nutzte Elisabeth seit sie denken konnte gern als Versteck. Wenn man den Kopf vorsichtig hob, konnte man durch das Glas den ganzen Wohnraum überblicken, ohne selber gesehen zu werden.

Das Mädchen hatte es sich dort kaum bequem gemacht, da sah sie ihren Bruder, der unter die Couch kroch und sich in eine Decke wickelte, bis nur mehr seine grünen Augen zu sehen waren, die gespannt den Kamin fixierten. Eins war klar, wenn es Santa wirklich gab, dann kam er durch den Kamin. Dort hatten sie wie alle Jahre zuvor ihre Strümpfe befestigt, die am nächsten Morgen prall mit Süßigkeiten und einem kleinen Präsent gefüllt sein würden.

Vielleicht waren es ja doch die Eltern, dachte Elisabeth und Santa ist nur eine Legende, angespannt starrte sie in die Dunkelheit. Das große Pendel hinter ihr schläferte sie mit seinem monotonen Ticken ein.

Hab ich dich … erschrocken fuhr Elisabeth hoch. Ihr Bruder stand in seine Decke gehüllt vor dem Sofa und deutete auf einen korpulenten Mann mit weißem Bart, der rote dicke Kleidung, eine ebenso rote Mütze mit weißem Bommel und schwarze Stiefel trug. Ich hab Santa, ich hab Santa johlte Jo vergnügt und umkreiste seine Beute mit wildem Kriegstanz, wie die Indianer das tun. Niemand im Haus schien ihn trotz seines infernalen Gebrülls zu hören.

War das wirklich der Heilige Nikolaus, der ihrem Bruder da ins Netz gegangen war, oder hatte er einen Einbrecher gestellt? Der rot betuchte Besucher jedenfalls stand ziemlich bedröppelt und regungslos im Raum.

Plötzlich unterbrach Joseph sein Gehopse abrupt. Es gibt dich also wirklich murmelte er listig und starrte gierig auf den prall gefüllten Sack. Und das sind die Geschenke? Jo deutete auf das rohe braune Leinen. Santa nickte.

Die will ich alle haben.

Aber das geht nicht, … wenn ich dir und deiner Familie alle gebe … kriegen die anderen Kinder gar nichts, dann wird es keinen 24ten Dezember, dann wird es kein Weihnachten geben … murmelte der Heilige. Du musst mich und den Sack vergessen.

Mir doch egal. Was passiert, wenn ich dich nicht vergessen will?

Dann, Santa fuhr grübelnd durch seinen Bart, dann … komme ich hier nicht weg, aber du auch nicht an meinen Sack!

Das, Joseph lächelte listig, schreit geradezu nach einem Deal.

Einem Deal?

Klar. Du sorgst dafür, dass ich und meine Familie bekomme was immer wir uns wünschen. Dafür vergesse ich dich und du kannst meinethalben auch deinen muffigen Sack mitnehmen.

Der Alte dachte nach. Er sah traurig und irgendwie auch verärgert aus.

Das, mein Sohn ist maßlos und unvernünftig. Aber wenn ich die anderen Kinder nicht enttäuschen will habe ich wohl keine Wahl. Du musst aber wissen, dass dir das keine Freude machen wird. Der Preis für deinen Deal wie du es nennst ist hoch. Du und auch deine Familie, ihr werdet den Tag vergessen, der Hoffnung heißt. Ihr werdet Dankbarkeit, Freude und Erfüllung nicht kennen. Ihr werdet euch nicht an den Sinn der Weihnacht, ja nicht einmal an das heiligste aller Feste erinnern.

Jo zuckte nur mit den Achseln.

Nur du wirst es! Santa deutete unvermittelt auf Elisabeth, die sich erschrocken duckte. Solange du ihnen dein Wissen nicht offenbarst besteht die Hoffnung, dass sie sich erinnern und den fehlenden Tag wiederfinden. Diese Gnade gewähre ich dir Elisabeth, denn du hast ein reines Herz. Dann griff Santa in seine Tasche. Er schien ein Pulver in der Hand zu haben, blies hinein und plötzlich wurde es Nacht. Tausend Sterne schossen an ihnen vorüber und dann, plötzlich war alles friedlich und still.

Elisabeth wachte auf. Sie war in ihrem Zimmer. Wer hatte sie hergebracht? Ihr Wecker zeigte den siebenten Dezember 7.30 Uhr. Frühstück, hörte sie Mum rufen. Was das doch für ein bescheuerter Traum war, dachte sie und lief ins Wohnzimmer. Sie war schon gespannt, was ihr der Weihnachtsmann in den Socken gesteckt hatte. Aber … da waren keine Socken.

Jo kam ihr aus der Küche entgegen.

Willst du? fragte er und hielt ihr eine Hand voller kleiner Pralinés entgegen. Hab ich in dem ollen Bild gefunden, das da neben der Tür hing. Nicht schlecht das Zeug. Er schob sich eine kleine Schokosonne in den Mund. Auf so eine Idee musst du erst mal kommen, Schokolade in ein Bild zu packen, crazy.

Verarschte sie Jo, oder …

Spinnst du herrschte Elisabeth ihren Bruder an, das ist … sie biss sich auf die Zunge, das ist ein besonderer Kalender.

War, Schwesterherz, war.

Sie lief in die Küche. Tatsächlich. Der Adventskalender, dessen Türchen an jedem Tag feierlich von einem anderen Kind der Familie geöffnet werden durften hing … vergewaltigt, geplündert und leer an der Wand und … was sofort ins Auge stach … die größte Tür; die mit der Nummer 24, … sie fehlte.

Was ist mit dir Schatz, du siehst aus als hättest du ein Gespenst gesehen, rief ihr Mum zu und goss Kakao in ihre Tasse. Elisabeth deutete verstört auf den geplünderten Kalender.

Ich weiß Kind, ich kauf heute gleich eine neue Schachtel. Find ich ja witzig, dass Dad die Bonboniere an die Mauer genagelt hat … wirklich lustig James flötete sie ihrem Mann zu, der ihr offenkundig desorientiert zunickte.

Ab diesem Tag, oder besser seit dieser Nacht, war alles anders im Haus der Coburns. Kein Wunsch blieb unerfüllt. Sie kauften und konsumierten was das Zeug hielt. Ohne Maß, ohne Freude, teilnahmslos, emotionslos.

Witzige Dekoration, Schatz bemerkte James, als er am späten nach Hause kam und von den mit unzähligen LED Ketten illuminierten Büschen und Sträuchern im Garten empfangen wurde. In der Stadt ist auch alles voll davon. Ist das jetzt Mode?

Ich weiß nicht, sieht nett aus, haben wir wohl dem Gärtner zu verdanken, antwortete Margret.

Elisabeth hätte schreien können. Sie wollte ihre normale Familie zurück! Sie wollte den Advent und vor allem Weihnachten zurück.

Seit 18 Tagen Geschenk Terror, Wunsch- Erfüllungs- Marathon bei gleichzeitiger Gefühls- und Freu- Amnesie. Ihre Eltern und Jo, sie waren gefühllose, maßlose Monster geworden. Heute war die aller letzte Chance … wenn sie heute den wichtigsten Tag und mit ihm sich selbst nicht wieder fänden … würden Sie auf Dauer in der Endlosschleife des dumben Übermaßes hängen bleiben. Was konnte sie tun.

Der Digitalwecker in der Küche, der üblicher Weise neben der Uhrzeit auch das Datum zeigte verhöhnte sie mit seinem schwarzen, anzeigelosen Gesicht. Also stand auch digital unbestreitbar fest: In diesem Haus gab es kein Weihnachten! Elisabeth war verzweifelt.

Dad war heute früher zurück und hockte mit Jo zwischen all den Schachteln voller nutzlosem Tand vor dem Fernseher. Die beiden spielten irgendeinen martial art Mist auf der neuen x Box. Stumm und verbissen feuerten sie hämmernde Salven gegen ihre virtuellen Figuren.

Das Auspacken war emotionslos und ohne den eigentlich zu erwartenden Freudenstaumel von statten gegangen. Das obwohl Dad die Nummer 100 von 100 des streng limitierten und besonders Realitäts nahen Cyber Spielzeugs ergattert hatte.

Elisabeth hörte die Haustür. Ma war zurück. Mit Mary- Ann an der Hand kam sie ins Wohnzimmer. Die Kleine trug ein blaues Seidenkleid, das bis zum Boden reichte und ein graues Kopftuch. Sie sah feierlich aus, dachte Elisabeth … wie …

Sag mal James, seine Frau schien aufgekratzt, kennst du diese alte Geschichte mit einer Maria? Coburn schüttelte nachdenklich den Kopf. Irgendwie … aber ich komm nicht drauf. Warum fragst du?

Deine Tochter Mary-Ann hat im Kindergarten wohl die Hauptrolle gespielt. Ich war leider zu spät. Aber es muss ergreifend gewesen sein.

Manche haben sogar geweint, ergänzte das Mädchen. Das hier habe ich bekommen, weil, ich es gut gemacht hab. Sie zog eine kleine Schachtel aus Mums Handtasche und hockte sich auf den Boden. Die anderen kamen neugierig näher. Dann öffnete ihr Nesthäkchen den Deckel. In Watte gepackt lagen darin ein Stohstern, eine rote Weihnachtskugel, ein Engel und eine selbst gebastelte Kerze.

Das, flüsterte Mary- Ann ist für euch. Der Engel für meine Mam, weil sie unser Engel ist. Die Kugel für Dad, er ist der Mittelpunkt unserer Welt, der Stern für Jo, weil er mich beschützt und das Licht … Das Licht ist für dich Elisabeth, weil du unsere liebe Sonne bist. Frohe Weihnachten euch allen, rief sie. Dann war es plötzlich dunkel.

Aufstehen, Frühstück. Margret musste ein paar Mal nach oben rufen.

Gott sei Dank, ich dachte wirklich das Ende der Welt wäre gekommen, seufzte Elisabeth und rieb sich die Augen. Ihre Träume waren in letzter Zeit echt spacy. Verschlafen, und misstrauisch ging sie in die Küche. An der Mauer hing er, der geschundene und geplünderte Adventskalender … also doch?

… Vorsichtig drehte sich das Mädchen um. In der Ecke auf der Anrichte stand der Digitalwecker. Sie wagte nicht hinzuschauen.

Was ist mit dir los Kleines … hast du den Weihnachtsmann gesehen fragte Margret ihre Tochter.

Hatte Ma gerade nach dem Weihnachtsmann gefragt? Elisabeths Herz tat einen freudigen Sprung. Ja! Tatsächlich! 24! Vom Display des Digitalweckers grinste sie fröhlich der 24.12.2017 an.

Gerettet, wir sind gerettet, jubelte sie! Und ja Ma, ich glaube an den Weihnachtsmann, und wie ich an den glaube jubelte Elisabeth. Es war ihr egal ob sie jetzt alle für verrückt hielten. Jeder bekam einen dicken Kuss, sogar Jo, ob der wollte oder nicht. Den dicksten von allen drückte sie Mary-Ann auf die Stirn, die sie mit ihrem dunkelblauen Seidennachthemd und ihrem Teddy in der Hand verschlafen anstrahlte.

Froheste Weihnachten euch allen!

Als sie am Abend unter dem hübsch dekorierten Baum ihre Geschenke auspackten freuten sie sich alle von Herzen, denn für jeden war etwas ganz Besonderes dabei. Es war ein Weihnachtsabend, den sie nicht nur wegen der feierlichen Christmette besonders empfanden, wo sie die Nähe und den Schutz des Herrn ganz besonders spürten.

Am meisten berührte Elisabeth ein sorgsam in Goldpapier eingewickeltes Präsent. Es war ein hübsches silbernes Armkettchen. Daran hingen ein Stern, einen Engel, eine Kugel und eine Kerze aus feinstem Gold.

Oh wie hübsch flüstere Margret. Da hast du dich aber angestrengt mein Lieber. Sie gab ihrem Mann einen Kuss.

Is nich von mir, vielleicht von Onkel Gerald, antwortete der. Victoria öffnete das Kärtchen, das dabei gelegen hatte.

Wer Versprechen hält kann auch die Welt retten

stand in feiner Schrift darauf. Das Bild auf der Vorderseite zeigte einen glücklichen Weihnachtsmann. Er lächelte gütig … oder hatte der jetzt tatsächlich gezwinkert?