6. Adventsgeschichte

Nikolaus bei Familie Strümpel

Copyright Uwe Brandl Nov 17  Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg      

Es war wieder einmal so weit. Der Nikolaus Tag war da. Heiß ersehnt von den Buben Uli 5 und Michael knapp 4. Noch heißer wohl von Ilse und Poldi Strümpel den Eltern, die sich erhofften, dass der Heilige mit seinem schwefligen Freund Ruprecht den beiden Rackern ein wenig Mores lehrte.

In letzter Zeit stritten die beiden oft furchtbar. Der Kleinere war Kräfte mäßig nicht ohne. Er liebte es dem Älteren zu zeigen, wo der Bartl den Most holt. Mama Ilse, nach streng katholischem Ritual ausgebildete Erzieherin, wenn sie wissen was ich meine, war am Ende ihrer gewaltlosen, erklärenden Erziehungsphilosophie angelangt. Da kam ihrem Mann Poldi die rettende Idee. Nach kurzem Kriegsrat wurde alles Notwendige organisiert, und die Buben am Tag vor dem großen Tag feierlich vorbereitet.

Wisst ihr, bei mir zu Haus, die Mutter stammte aus dem Sudetenland, da kam es schon vor, dass der Ruprecht die bösen Kinder in den Sack steckte und auf nimmer Wiedersehen mitnahm. Michael hing der Mutter fasziniert an den Lippen.

Und wohin hat er sie gebracht wollte Uli wissen.

Die Mutter zuckte mit den Schultern … ins Riesengebirge in die Kohle und Erzgruben? Man weiß es nicht so genau. Und die Eltern haben nix dagegen unternommen?

Was sind das denn für welche? gab sich der 5-jährige empört.

Der Ruprecht erzählt man zu Hause, fuhr die Mutter fort, sei ein übler Geselle und steckt mit dem Teufel im Bund. Er hat einen Pferdefuß, eine Kette, eine Rute und einen Sack, und er stinkt.

Wäscht der sich nicht? unterbrach Michael.

Nein, der stinkt, weil er direkt aus der Hölle kommt, nach Schwefel, Knoblauch und die Pest, ergänzte Papa Poldi.

Aber zu uns kommt doch morgen der echte Nikolaus mit dem braven Knecht Ruprecht von dem sie uns im Kindergarten erzählt haben oder, fragte Uli nach.

Das mein Sohn hängt davon ab, was über euch im goldenen Buch steht, danach entscheidet der Heilige Nikolaus wen von seinen Gesellen er mitnimmt, antwortete der Vater ernst.

Und was steht in dem Buch über uns? fragte Michael.

Na was wird da wohl stehen du Knirps, wie oft du mich geschlagen hast. Wie oft du grundlos geplärrt hast, nur dass Mama mich schimpft, ereiferte sich Uli.

Oder wie oft du mich zwickst und ärgerst von deinen Wutanfällen ganz zu schweigen, gab Michael raus.

Na da wird schon auch drinstehen, wie oft ihr uns folgt, wie sehr ihr Mama beim Aufräumen helft, wie freundlich ihr zu unserem Besuch seid, wie ihr mit euren Freunden in der Straße spielt, Ihnen eure Räder leiht und so weiter, oder meinst du nicht Ilse. Die Mutter nickte.

Die beiden Brüder sahen sich bedröppelt an … sie wussten wen sie mitnehmen würden, wenn sie der Ruprecht wären. Denn viel Gutes konnte in dem Buch nicht stehen … zumindest nicht über sie.

Und … der steckt die bösen Kinder wirklich in den Sack? fragte der Kleinere.

Der Vater nickte ernst.

Hoffentlich würde er das kleine Taschenmesser finden, dass er seinem Bruder vor Kurzem geklaut hatte, dachte Michael. Der soll mich ruhig in seine Sack stecken. Mit Onkel Erichs Messer schneid ich den schon auf.

Am nächsten Tag, dem 6.ten Dezember, waren die beiden Brüder sichtlich bemüht Burgfrieden zu halten. Sie halfen der Mama beim Abwasch, richteten den Tisch fürs Abendbrot und spielten zusammen ohne zu streiten. Die Eltern bemerkten den atmosphärischen Wandel amüsiert.

Wann ist es denn soweit, fragte Uli gespielt souverän.

Es ist soweit wenn der Nikolaus für euch Zeit hat. Papa Poldi sah auf die Uhr. Es ist erst sechs und der Heilige hat heute viel zu tun. Es wird schon noch dauern. Aber er lässt sich meistens eine gute Zeit vor seinem Kommen durch seinen Ketten rasselnden Knecht ankündigen. Wenn der bei anderen Kindern in der Nachbarschaft ist die etwas ausgefressen haben, dann schlägt Ruprecht so laut mit den Ketten, dass man das sicher hört.

Und nimmt der da wen mit, in der Nachbarschaft? wollte Michi wissen

Wer weiß das schon meinte der Vater.

Aber wenn der schon vorher ein paar besucht und mitgenommen hat ist der Sack bei uns doch schon voll, bemerkte Michi. Er war ganz schön schlau für sein Alter.

Ich glaube der Sack ist das Tor in eine andere Welt in die die Kinder dann plumpsen, meinte die Mutter. Michis Messerplan fiel in diesem Augenblick jäh in sich zusammen. Er spürte, im Strumpf versteckt, den blanken Stahl an seinem Knöchel. Die Ruhe und Sicherheit, die ihm die scharfe kleine Klinge bisher gegeben hatte, war dahin. Aber vielleicht … wenn er schnell genug war … ein letzter Funke Hoffnung blieb.

Bruder Uli hatte die Lage anders analysiert. Bei allem was sie an Ungezogenheiten abgezogen hatten … nie würden es die Eltern zulassen, dass sie mitgenommen würden … nie! Ein paar mit der Rute würde er in Kauf nehmen. Den Struwwelpeter hatte er sich schon vor dem Abendbrot vorsichtshalber in die Unterhose geklemmt. Er genoss den jetzt doch ziemlich bedröppelten Ausdruck in den Augen des Knirpses, dessen Plan und Analyse wohl doch stark von Deportation auszugehen schien.

Da war es! Ein Klirren und Klacken, laut und schauderhaft wie sie es noch nie gehört hatten. Es kam von der Straße. Sie liefen zum Fenster. Nichts! Gebannt starrten sie nach draußen. Da hob jäh ein Trommeln und Schlagen an. Die Tür des Holzschuppens schlug heftig. Zu sehen war nichts. Dann … Stille.

Jetzt werden sie bald kommen meinte die Mutter und öffnete die Haustür einen Spalt. Ätzender, pestilenter Gestank drang ins Haus. Eindeutig Schwefel meinte der Vater, viel Schwefel.

Könnt ihr das Lied?

Die Buben sahen sich an. Niklas ist ein guter Mann? Meinst du das passt heute Mama, fragte Uli.

Passt immer, wenn ihr es könnt. Die Brüder nickten und wurden von einem neuerlichen grausigen Kettenrasseln aus ihren Gedanken gerissen.

Da krachte es gegen die Haustür. Ketten klirrten schaurig auf den Asphalt, begleitet von einem wilden Geheule.

Lasst uns ein Bewohner! Mein Herr begehrt Einlass, krächzte die kleine, dicke, abgrundhässliche und stinkende Gestalt, als Mama Ilse die Tür öffnete.

Uli und Michl hatten ohne es abzusprechen flugs Schutz unter dem Wohnzimmertisch aus massiver Eiche gesucht. Beide hielten sich die Augen zu, als sie die schweren Tritte und die schleifende Kette in der Diele hörten. Die Wohnzimmertisch wurde unsanft aufgestoßen und schwefelige Ausdünstungen schwängerten die Luft.

Papa Poldi hielt im Angesicht des Heiligen und seines Knechtes, um dessen fülligen Leib eine überdimensionale Kette hing und deren Enden am Boden schleifte, die Luft an. Das schöne Parkett, dachte Poldi … sie wohnten doch in Miete.

Furchterregen stand er da, der Ruprecht in seiner braunen Kutte, die den Boden berührte. Die rote Zottelmähne und der Bart verbargen sein Gesicht nahezu vollständig. Das war ebenso wie seine Hände rußgeschwärzt. In der rechten Hand hielt er die Rute, in der linken schleifte er den überdimensionalen Hopfensack hinterher, in dem sich tatsächlich jammernd etwas bewegte. Poldi traute seinen Augen nicht.

Wo sind die beiden Krüppel … üblen Burschen … denn raunte der Ruprecht verschlagen. Kommt lieber raus und zeigt euch meinem Meister oder muss ich euch an den Ohren herausziehen? Er sprang mit einem mächtigen Satz auf den Eichentisch zu. Wie der Blitz hatten die beiden Brüder ihr sicheres Versteck aufgegeben und standen stramm wie Zinnsoldaten. Der Knecht umkreiste sie lauernd und rasselnd.

Inzwischen hatte auch Niklas die Bühne betreten. Nun halt ein mein lieber Knecht … wollen doch mal sehen was hier in meinem Buch geschrieben steht.

Hundskrüppeln sans freche … woas a jeder und streiten tun sie, wia Hund und Katz. Kraft hams a, vor allem da Kloa … die könntens guat braucha drüm im Bergwerk im Riesengebirg, zischte der Ruprecht bedrohlich.

Bitte nein, flehte Mutter Ilse, was der stinkende Gesell nur mit einer wegwerfenden Bewegung quittierte und neben seinen Meister humpelte. Sacht stieß Uli seinen Bruder an und deutetet zaghaft mit seinem Kopf auf die Füße des Knechts. Michis Herz klopfte wild. War das, was da aus dem dreckigen langen Mantel rausspitzte… Uli nickte! Eindeutig ein Perdefuß!

Jetzt half nur eins.

Sollen wir nicht zuerst was singen lieber Nikolaus fragte Uli.

Ja, wir haben was vorbereitet, ergänzte Michl. Ohne abzuwarten trällerten sie los. Drei Strophen, fehlerfrei und gleich noch … Morgen Kinder wird’s was geben hinterdrein. Mama Ilse war perplex.

Vorwärtsverteidigung ist alles, dachte Uli und setzte an. Lieber Nikolaus wir haben viel falsch gemacht. Wahrscheinlich mehr als in deinem Buch steht. Und wir versprechen in Zukunft brav zu sein. Wirklich, ganz bestimmt, ergänzte Michl den Tränen nahe.

Das habt ihr wirklich schön gemacht. Hmmm … der Heilige blickte traurig in sein Buch. Raufen, die Eltern anschreien, nicht folgen … alle Missetaten wurden mit einem grässlichen Geheule und Gerassel des Kumpans begleitet … die nehm ich mit, die nehm ich mit krächzte der.

Da fiel Uli´s Blick auf die Hände des Heiligen, der in der Eile seine Handschuhe vergessen hatte.

Das waren doch … das …

Lieber Nikolaus, Uli war nach vorne gestürmt und küsste die mächtige Pranken des Heiligen … nicht mitnehmen, bitte nicht.

Kein Zweifel. Der Geruch war unverkennbar! Der Nikolaus war niemand anders als sein Freund, ihr Nachbar Otto Vehd, der Bahnwärter. Seine schwarzen Hände, die er sich beim Streichen der Bahnschwellen und Gleise geholt hatte waren unverkennbar. Das Imprägnier Mittel hatte seine Haut gegerbt und war nicht mehr wegzukriegen. Seine Pranken trugen zudem einen markanten Duft von Teer und Holz.

Und, ja, auch kein Zweifel! Das im Ruprechts Kostüm war Frau Kämmerlein, die Mutter seiner Freundin Karin. Solche Stiefel hatte nur eine in der Straße. Aber wie sie das mit dem Pferdefuß …

Mit hämischer Freude bemerkte er wie sein Bruder Michael mit Angst weiten Augen auf den Jutesack starrte, der sich jammernd bewegte. Michi wagte nicht zu sprechen.

Uli ging zu seinem Bruder, legte weltmännisch schützend den Arm um dessen hängende Schulter und versprach: Lieber Nikolaus, lieber Ruprecht, wir versprechen, dass wir uns bessern. Michl nickte beflissen.  Bitte lasst uns bei Mama und Papa bleiben, was sollen die ohne uns machen.

Ja was sollte wir ohne euch machen bekräftigte Papa Poldi und fast hätte man meinen können es klang amüsiert.

Wir nehmen jede Strafe an, aber bitte lasst uns da, beteuerten die Brüder im Gleichklang.

 

Der Heilige strich grübelnd durch seinen langen weißen Bart. Mach ihn nicht schmutzig mit deinen schwarzen Händen, wollte Uli ihm schon zurufen. Schließlich bedeutete der Heilige seinem Knecht zu ihm zu kommen um zu beraten. Die Entscheidung schien Ruprecht nicht zu gefallen, wütend rasselte er mit den Ketten und stampfte mit seinem beschlagenen Pferdefuß zu Poldis Leidwesen auf das Parkett … ob die Dellen jemals rausgehen würden?

Meine Entscheidung steht fest! Die Buben bekommen noch eine letzte Chance. Sie waren reuig und einsichtig und haben Besserung gelobt. Der Herr verzeiht den reuigen Sündern und wir auch. Die Kinder bleiben. Aber zur Strafe, denn die muss sein, bekommt jeder 5 mit der Rute. So lautete das nikolausische Urteil!

Das ließ sich Ruprecht nicht zweimal sagen und hieb, durchaus kräftig, auf die kleinen Hinterteile ein. Michls Schmerzen waren echt, Ulis Dank Struwwelpeter nur gut gespielt.

Und Geschenke gibt´s heuer keine verabschiedeten sich die Besucher! Ruprecht schleifte den strampelnden Sack aus dem Haus, eine rußige Spur hinterlassend, der Mama Ilse kopfschüttelnd stante pede mehr oder weniger erfolgreich mit dem Schrubber zu Leibe rückte.

Die Kinder hockten mit bedrückten Mienen auf dem Sofa. Michl kämpfte mit den Tränen.

Nochmal Glück gehabt ihr zwei was, meinte der Vater? Beide nickten.

Aber wie du Onkel Otto und Frau Kämmerlein dazu gebracht hast sich so scheußlich zu verkleiden musst du mir schon erzählen Papa, fast wär ich drauf reingefallen, bemerkte Uli trocken, als sich Mutter Ilse wieder zu ihnen gesellt hatte.

Nur das mit dem Pferdefuß und mit dem zappelnden jammernden Sack kapier ich gar nicht. War da etwa Karin drin?

War sie nicht, Elwira Veth´s Tigerkatze hatte herhalten müssen, das armen Luder. Das mit dem scheußlichen Pferdefuß blieb für immer ein streng bewahrtes Geheimnis der Laiendarsteller.

Die Eltern waren platt. Ehrfürchtig zog Michi das kleine Taschenmesser aus dem Strumpf und überreichte es seinem Bruder.

Hab ich gefunden sagte er.

Klar, in deiner Socke Knirps. Aber gute Idee auf die Art dem Schicksal des Sacks zu entkommen. Anerkennend gab Uli dem Jüngeren einen Klaps auf die Schulter, was der allerdings mit einer kräftigen Kopfnuss vergalt.

Fängt ihr jetzt schon wieder an seufzte die Mutter verzweifelt.

Nö wir mögen uns nur brüderlich, bemerkte Michael und umärmelte seinen Bruder grinsend.