10. Adventsgeschichte

Umtausch

Copyright Uwe Brandl Nov 17  Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg 

Wo war der Karton bloß? Sie wusste genau, dass sie ihn … ah da. Anna Lettner, Einzelkind, 23 Jahre alt, hübsch, hoffnungslos alleinstehend hatte eine klare Vorstellung von ihrem Leben. Vor allem von all demjenigen, was sie nicht wollte. Sie kramte die kleine unscheinbare Pappkiste aus dem übersichtlichen Abstellraum, der sich im Keller der Mehrfamilienwohnanlage befand. Sie war überrascht was sich in dem kleinen Kabuff alles angesammelt hatte, seit sie vor vier Jahren hier eingezogen war. Sie hatte damals ihre Ausbildung abgeschlossen und wollte raus; raus aus der Enge der elterlichen Überwachung.

Es war nicht so, dass sie gegängelt worden wäre. Im Gegenteil, ihre Eltern hatten ihr immer den Eindruck vermittelt, sie sei das Zentrum des Universums … und so benahm sich Anna auch. Alles hatte sich um sie zu drehen. Auch sie selbst kreiste mit Überschallgeschwindigkeit um sich. Die Konsequenzen waren ebenso bitter wie naheliegend. Annas Leben war gehetzt, oberflächlich und trotz der unzähligen Freunde, die keine waren … einsam.  Wohl deshalb war sie auch ständig und rastlos auf der Suche. Es war eine Suche nach dem eigenen Ich. Schneller, höher, weiter.

Irgendwo musste es doch zu finden sein, was sie bei anderen neidvoll sah … Glück, Zufriedenheit, Liebe. Niemals hätte sie es zugegeben, wie sehr ihr das fehlte. Sie war schließlich der Mittelpunkt … das Leben hatte ihr gefälligst alle Annehmlichkeiten, positive Gefühle inklusive, frei Haus zu bieten. Das war ihre Überzeugung, ihr unausgesprochenes Mantra. In Wirklichkeit war es eine fatale Fehlprogammierung. Ergebnis einer Erziehung, deren Leitbild eine bedingungslose, abgöttische Liebe war, die eine gesunde, selbstkritische Reflexion unmöglich machte.

Weihnachten stand vor der Tür. Keine Ahnung was sie da heuer machen würde. Am 24ten kurz bei den Eltern vorbeischauen … klar, aber dann? Eigentlich hielt sie ja nichts von dem ganzen Trara. Bisher hatte sie auch konsequent darauf verzichtet ihre hübsche zwei Zimmerwohnung weihnachtlich zu dekorieren oder einen Christbaum zu schmücken. Mama tat schon genug für die Weihnachtsindustrie.

Nur heuer, Anna wunderte sich über sich selbst, war ihr als würde sie ohne ein wenig Adventsdekoration etwas vermissen. Es musste ja nicht der klassische Adventskranz sein.

Da war ihr Papas Geschenk eingefallen. Sie hatte es an ihrem letzten Weihnachten zu Hause bekommen. Ein paar Tage später war sie dann ausgezogen.

Jetzt hielt sie die Pappschachtel in der Hand und erinnerte sich.

Das tausch ich morgen um hörte sie sich sagen, als sie die Schachtel öffnete. Sie sah die unendliche Traurigkeit in den Augen ihres Vaters, die diese Bemerkung auslöste. Das Bild versetzte ihrem Herzen einen Stich.

Damals war sie nur enttäuscht. Soviel Nützliches hätte sie für ihre Wohnung brauchen können. Das musste er doch wissen … und dann schenkte er ihr so einen überflüssigen Mist. So hatte sie gedacht. Ohne weiter nachzudenken war sie nach den Feiertagen dann mit der Schachtel bewaffnet zu dem Laden gefahren.

Ohne zu überlegen hatte sie am Weihnachtstag unmittelbar nach dem Auspacken gefragt, ob sie den Kassenzettel haben könnte. Papa hatte ihn schweigend aus dem Portmonee gezogen, als ob er genau das erwartet hätte.

Die stattliche Summe, die auf der Quittung stand sah sie wohl, nicht die bittere Enttäuschung der Eltern.  Endlich konnte sie sich ihren Wunschtraum erfüllen. Eine echte Rolex. Da hatte sie wenigstens was davon.

Bedauere gnädiges Fräulein, aber die Ware ist fehlerfrei. Der distinguierte Herr, dem sie die Schachtel und die Quittung gereicht hatte zuckte nach einer eingehenden Prüfung mit den Schultern.

Und das heißt? hatte Anna gereizt gefragt.

Das heißt, dass ein Umtausch nicht in Frage kommt, antwortete ihr vis a vis gelassen.

Ich will ja nicht umtauschen. Ich will das Geld. Meinetwegen geben Sie mir nur 80%, dann machen sie auch noch ein Geschäft, hatte sie die Sache damals schnell zu Ende bringen wollen.

Nein, tut mir leid. Und … der ältere Herr mit den grauen Schläfen beugte sich zu ihr. Ich glaube, sie werden es mir irgendwann danken.

Wutentbrannt hatte sie damals die Schachtel in ihre Tasche gestopft und war aus dem Geschäft gerauscht.

Ich empfehle sie sicher weiter, hatte sie sarkastisch gezischt und die Tür hörbar ins Schloss geworfen.

Got haltn ir, murmelte ihr Aaron Stein nach … der Herr behüte dich mein Kind und schüttelte den Kopf.

Es war der zweite Advent. Zwei Kerzen brannten. Das Bienenwachs und Tannenreisig, das Anna frisch aus dem kleinen Wäldchen geholt hatte, in dem sie ihre Jogging Runden drehte, verbreiteten einen angenehmen Duft in der kleinen Wohnküche. Ihr adventliches Arrangement sah Dank des grünen Gestecks und Vaters Geschenk richtig hübsch aus.

Noch einen Schluck Kaffee Mama? Ich freu mich, dass ihr gekommen seid und Danke, dass du extra Kuchen gebacken hast. Der ist echt super.

Wir freuen uns auch sehr, Kind.

Ich dachte du machst dir nichts aus Weihnachtskitsch. Annas Vater deutete auf die Krippe, die seine Tochter um die Kerze drapiert hatte. Er hatte lange gespart um sie damals seiner Tochter für ihr neues zu Hause zu schenken.

Sie war aus Jerusalem. Handgeschnitzt, aus Olivenholz und vom apostolischen Administrator selbst geweiht. Aaron hatte ihm damals einen echten Freundschaftspreis gemacht.

Weißt du, er deutete auf die Krippe mit dem Kind. Ich wollte, dass er dich beschützt und dir immer bewusst ist, dass wir für dich da sind. Er hatte Tränen in den Augen.

Ich hab’s verstanden Papa. Tut mir leid, wegen damals … und langsam verstehe ich auch ein paar andere Dinge, glaub ich. Kann ich Weihnachten mit euch feiern, bitte? Wenn’s dir nichts ausmacht Mama, würde ich auch gern über Nacht bleiben. Wir haben lange nicht mehr … ich glaube, es gibt viel zu erzählen.

Als Aaron Stein am Sonntag des zweiten Advents sein Abendgebet sprach fühlte er, dass sich im Kreis seiner Freunde etwas Wichtiges ereignet hatte. Zum Chanukka Fest war zwar noch eine gute Zeit, aber eine Kerze auch jetzt schon anzuzünden konnte nicht schaden.

Herr, betete Aaron, ich hab zwar keine Ahnung, was du heute bewirkt hast, aber es muss was Gutes gewesen sein, so wie mein Herz vor Freude springt.

Ikh danken ir har far di gut ir hobn getan. Ich dank dir Herr für das Gute, dass du getan hast.