11. Adventsgeschichte

Das wächserne Jesuskind

Copyright Uwe Brandl Nov 17 Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg     

Der eisige Dezemberwind pfiff schneidend um die Ecken des alten Zillhofes und rüttelte an den Holzschindeln, die seit Jahrhunderten den Angriffen der Naturkräfte getrotzt hatten.

Drin in der Bauernstube verbreitet der grüne Kachelofen behagliche Wärme. Die fünfköpfige Familie saß um den schweren Holztisch im Erker und spielte Monopoly. Es war kurz vor Weihnachten und die Brenners genossen die ruhige Adventszeit.

Oben auf dem Dachboden, in den die schneidende Kälte drang, stapelten sich die Hinterlassenschaften der unzähligen Generationen, die den Zillhof bewirtschaftet hatten. Seit 1569 hatten die Brenners hier ihr Auskommen. Der Hof war seither beträchtlich gewachsen und zu einem modernen, leistungsfähigen Biohof mit Urlaubszimmern geworden. Die Jungbäuerin Ria managte die kleine Pension und den dazugehörigen Reitstall mit ihrer Tochter Rosi und der Schwiegermutter.

Während die Brenners die vorweihnachtliche Ruhe in angenehmer Wärme verbrachte, fror die Mäusefamilie, die sozusagen lebendes Inventar des Anwesens war zum Gott Erbarmen. Sie hatten es sich oben auf dem Dachstuhl zwischen den alten Dielenböden so bequem wie möglich gemacht In ihrem Nest fand sich allerlei isolierendes Material wie Federn, Styroporstückchen, Stofffetzen und Putzwolle. Das alles hatten sie fleißig zusammengetragen und in ihr Nest geschleppt. Dennoch griff die Kälte mit ihren eisigen Windfingern immer wieder nach der kleinen Familie, die sich eng aneinander kuschelte.

Die Jüngste von ihnen war erst ein paar Wochen alt, aber besonders unternehmungslustig. Sie hatte früh begonnen lange Entdeckungstouren zu unternehmen. Sie kannte mittlerweile jede Ecke ihrer kleinen Welt und jeden Gegenstand der hier oben dem Vergessen preisgegeben war.

Die kleine Maus liebte es besonders sich in einem alten Filzpantoffel zu verstecken. Dort war es warm und der Geruch der Latschen betörte sie. Er hatte einen leichten touch von Käse, wie sie fand. Es war auch kommod, dass die Potschn vorne ein kleines Loch hatten, dort wo der Nagel des großen Zehs den Filz durchgewetzt hatte. Das war ein prima Fenster und bot die Möglichkeit jeden unbeobachtet zu entdecken, der sich dem Versteck näherte.

Auch heute war das Nesthäkchen der Familie Maus hierhergekommen. Das Gejammer der anderen über die Kälte, gegen die sie eh nichts machen konnten, hatte sie aufgeregt. So lag sie jetzt in dem alten Filzer, genoss den Duft des Vorbesitzers, der wohl eine gewisse Aversion gegen Fußbäder hatte und lugte mit ihren schwarzen Knopfaugen aus dem Loch.

Was war das? Aufgeregt blinzelte die Maus aus ihrem Versteck. Das hatte sie noch nie bemerkt. Direkt gegenüber lag eine silberne Pappschachtel. Der Deckel war leicht verschoben und da lugte etwas helles, Goldenes hervor. Die Neugier war zu groß. Fröstelnd verließ die Maus die schützende Wärme und schlich vorsichtig zu dem Karton, den sie umkreiste und ausgiebig beschnüffelte.

Vorsichtig und aufgeregt schob sie ihren kleinen Kopf durch den Spalt zwischen Deckel und Schachtel. Da sah sie es!

Keine zwei Pfoten von ihr entfernt, zwischen eigenartigen Holzstücken, die fast aussahen wie Schafe und Kühe, nur eben viel kleiner, lag ein winziges Stück Etwas. … Nackt, um die Hüften nur ein Stück Tuch geschlungen.

Die Maus überwand ihre Furcht, machte sich so flach sie konnte und robbte auf dem Bauch bis zu dem kleinen Winzling, dessen Haut trotz der Dunkelheit hell schimmerte. Mann, muss das Ding frieren, dachte die Maus.

Vorsichtig stupste sie das kleine Bündel mir der Schnauze an. Es rührte sich nicht, aber seine Augen lächelten die Maus an, dass ihr das Herz aufging. Sie konnte das kleine Krümel hier nicht sich selbst und dem Eis Wind überlassen, der sogar in die Schachtel drang. Vorsichtig packte sie mit ihren Zähnen die Leinenbinden, die das Ding um den winzigen Leib geschlungen trug und zog ihren Fund nach draußen.

Die Maus staunte nicht schlecht. Das Bündel hatte Arme und Beine, einen Kopf und sah überhaupt aus wie der Kleine Matthias aus dem Erdgeschoss, der erst vor ein paar Wochen auf die Welt gekommen.

Nur … dieses Menschenkind hier war noch viel winziger und … es bewegte sich nicht. Es musste eingefroren sein. Kein Wunder bei der Kälte. Außerdem duftete das Menschlein herrlich nach Honig. Die Maus konnte nicht widerstehen und leckte die Backen des Kindchens. Fast hätte man meinen können, das Bündel hätte den kitzelnd rauen Kuss gurrend genossen.

Obwohl der Maus vom ersten Tag an eingebläut worden war sich vor den Menschen zu hüten hatte sie mit dem Wickelkind Erbarmen. Es war ja auch viel kleiner als sie selbst und deshalb sah sie keine Gefahr. Weil sie aber keine Lust auf Stress mit den Eltern hatte schleppte die kleine Maus das Kindchen in ihr Filzpantoffelversteck.

Dort angekommen kuschelte sie sich um das Bündel um es warm zu bekommen und schlief ein.

Es war schon duster als die Maus aufwachte. Sie hatte einen eigenartigen Traum gehabt. Sicher würde sich die Familie schon Sorgen machen. Sie musste zurück. Vorsichtig erhob sich die Maus und sah nach ihrem kleinen Gast.

Aber herrje, da lag nur noch ein graues Leinenband und eine Honig duftende, weiche, weiß gelbliche Masse. Das Kind, das Kind war verschwunden.

Die Maus war zu Tode betrübt. Hatte sie das Kind erdrückt? Mit hängendem Kopf schlich sie nach Hause. Die Familie schlief eng aneinander gekuschelt. Niemand nahm Notiz von ihr. Am nächsten Morgen, es war der 24.te Dezember gab es gleich vor dem kargen Frühstück einen deftigen Anschiss vom Vater. Sie war zu spät nach Hause gekommen. Das gehörte sich nicht, schon gar nicht für ein Mädchen.

Die Maus ließ es über sich ergehen, hockte mit hängendem Kopf im Nest und würgte ein uraltes Brotkrümel hinunter. Die Familie war groß geworden, und die Vorräte nahezu aufgebraucht. Bald würden sie hungern. Nach dem Frühstück schlief die Mäusefamilie weiter. Es war das Beste was sie in dieser Situation tun konnten. Nur die kleine Maus brachte kein Auge zu.

Am späten Nachmittag fragte ihre Mutter, der das eigenartige Verhalten ihrer Jüngsten natürlich nicht entgangen war, was los sei.

Ich habe ein Menschenkind umgebracht Mama, ich habe es, sie zögerte … zerschmolzen. Dann erzählte sie aufgeregt die ganze Geschichte. Mutter Maus schüttelte ungläubig den Kopf. Die anderen waren inzwischen auch wach geworden und hatten aufmerksam zugehört.

Das will ich sehen rief einer der Brüder aufgeregt, das gibt´s ja gar nicht.

Widerstrebend, weil sie damit ihr Geheimversteck preisgeben musste, führte die kleine Maus die ganze Familie zum Filzpantoffel. Es war zwischenzeitlich fünf Uhr nachmittags; der Dachboden war in ein dämmrig blaues Licht getaucht. Der sirrende Wind drückte feine Eiskristalle durch die Ritzen der Holzschindel, die sich wie Puderzucker über den gesamten Dachboden verteilten. Der Gänsemarsch der Mäuse hinterließ ein lustiges Muster in der weißen, kalten Pracht und in ihre kleinen Pfoten biss giftig der Frost.

Da vorne lag der alte Schuh. Auch er war mit einer feinen weißen Kruste überzogen. Fast schien es der kleinen Maus, er wäre etwas größer geworden und sie glaubte aus seinem Inneren würde ein goldenes, warmes Licht entströmen.

Hast du da etwa Feuer gemacht, fragte der Vater erschrocken? Die kleine Maus schüttelte ihr Köpfchen. Neugierig und vorsichtig zwängten sie sich ins Innere des Filzers. Sie trauten ihren Augen nicht.

Innen stapelten sich Nüsse, Getreide, Käsestückchen und allerlei andere Köstlichkeiten und inmitten dieser Pracht saß mit vergnügtem Lachen ein kleines Windelkind aus Honig duftendem Wachs.

Und wer immer noch glaubt Weihnachten ist nur für Menschen gemacht, sollte auf seinem Dachboden vielleicht einmal nach alten Pantoffeln schauen.