12. Adventsgeschichte

Wer will schon fasten

Copyright Uwe Brandl Nov 17  Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg       

Mir wäre es ja grundsätzlich recht, wenn sich Kaiser Konrad durchsetzen würde, dachte Bruder Fredericus. In ein paar Tagen würde der Dezember beginnen. Ihr Landesherr hatte für die erste Woche des letzten Jahresmonats anno domini 1038 zur Synode nach Straßburg geladen. Dort sollte entschieden werden, ob die adventliche Fastenzeit der gregorianischen Auffassung entsprechend nur vier, oder der altspanisch- mailändischen Liturgie entsprechend, auch fünf oder mehr Sonntage haben konnte.

Der Mönch kratzte sich an der Tonsur und rührte schwitzend im dampfenden Bier Sud, den er grade angesetzt hatte. Im Gegensatz zu den winterlichen Temperaturen und dem schneidigen Wind, der durch die Klosteranlage pfiff war es hier in der Braustube angenehm warm; alle Läuse der Umgebung schienen es sich hier gemütlich gemacht zu haben.

Das Fasten hatte ja grundsätzlich seinen Sinn, dachte er. Gesund war es auch, wenn man es nicht übertrieb.  Es mochte auch nicht ganz von der Hand zu weisen sein, dass sich die Christenheit mit leerem Magen und gereinigt von den Völlereien die der reiche Garten des Herrn bot, sicher besser auf die Ankunft des Erlösers vorbereitete. Der Gottesmann sinnierte weiter.

Aber ehrlicher Weise: wer außer den reichen Pfeffersäcken und den Mitgliedern des Hoch Adels konnte denn überhaupt völlen? Und die, die es konnten fanden zuverlässig schlitzohrige Möglichkeiten die klaren Fasten Regeln zu umgehen.

Was Bruder Fredericus treffend vermutete traf in der Tat zu. Papst Gregor hatte 590 den Verzehr von Fleisch warmblütiger Tiere verboten. Fisch war allerdings während der Fastenzeit erlaubt.  Das Konzil zu Konstanz befand 1417, dass der Biber zwar ein Nagetier sei. Weil er aber überwiegend im Wasser lebe und sein schuppiger Schwanz an einen Fisch erinnere, sei er diesem gleichzustellen. Sein Verzehr sei, ita quidem daher kein Fastenbruch.

Für die meisten Menschen im Mittelalter stellte sich die Frage Biber oder Fisch auch außerhalb der Fastenzeit höchst selten. Die Masse des Volkes war froh überhaupt einmal am Tag etwas zu Beißen zu haben.

Fredericus selbst war Benediktiner und wusste nur zu gut, dass Essen und Trinken nicht nur den Leib, sondern auch die Seele zusammenhielt. Ihm war die Sorge um die Seele (cura animae) und die Sorge um den Körper (cura corporis) gleichermaßen ein Anliegen. Auch oder besonders, und das gab er zu wenn es um den eigenen ging. Das war zwar nicht im Sinne der Ordensregeln des hl Benedikt, aber zumindest ehrlich.

Vor vier Jahren hatte er von seinen Oster- Exerzitien aus einem befreundetem Kloster das Getränk mitgebracht, das ihm und seinen Mitbrüdern die Fastenzeit seither erträglicher machte. Bier!

Zuerst hatte Abt Benignus doch erhebliche Vorbehalte gehabt, auch wegen der nicht unerheblich inspirierenden Wirkung des Getränks. Aber dem

liquida non frangunt ieunum – Flüssiges bricht das Fasten nicht, hatte der gelehrte Ordensherr nichts entgegenzusetzen. So begnügte er sich damit dem möglichen Übermaß durch die Einführung einer Tagesration von 5 Litern pro Bruder eine Grenze zu setzen.

Fredericus pfiff leise vor sich hin. Es würde einen Hauch stärker werden das Adventsbier, freute er sich und groß noch einen weiteren Schuss Honig in den Kupferkessel, in dem es dampfte und brodelte.

Nur, … er überlegte … Bier allein? Ein wenig zu Beißen wäre doch nicht zu verachten. Versonnen betrachtete er den Honig, der in goldenen Fäden in den Kessel troff. Wahre Medizin dachte er … das … konnte …

Am nächsten Morgen bat er Abt Benignus um Erlaubnis das benachbarte Frauenkloster besuchen zu dürfen. Er müsse sich in Sachen Heilkunde austauschen. Einem der Brüder ginge es nicht besonders und die Schwestern hätten da ein paar besondere Pflanzen. … Benignus winkte genervt … und Fredericus zog freudig los. Er hatte da eine Idee und Schwester Irmengard würde ihm für einen Krug Fastenbier sicher helfen.

Tags darauf standen Mönch und Nonne geschäftig in der Küche des Liebfrauenklosters. Es duftete herrlich aus dem Backofen. Rosemarien, Thymian, Zimt, Muskat, schwarzer Pfeffer, Koriander, Kardamon, Anis und allerlei andere Köstlichkeiten lagen verstreut auf der Anrichte.

Fredericus hatte seinen Medizinschrank geplündert und die heilkundige Hilde, eine betagte, aber sehr erfahrene Botanikerin, hatte noch einiges mehr an Pfeffer, wie sie die feinen Gewürze nannten, beigesteuert.

Honig, Dinkelmehl und gemahlene Nüsse waren nach einigen Versuchen zu einer vernünftigen Teigmasse geworden, in die sie die Gewürze einarbeiteten. Zu kleinen flachen Zelten geformt wanderten die Rohlinge in den Backofen.

Wenn die so gut schmecken, wie sie riechen, freute sich Irmengard … und sie taten es.

Die Kombination mit dem mitgebrachten Bier sorgte bald für derart ausgelassene Stimmung in der Klosterküche, dass sich die ältliche und heute wieder von argen Koliken geplagte Äbtissin Geraldia veranlasst sah nach dem Rechten zu sehen.

Was bitte geht hier von statten, herrschte die Ordensfrau ihre Mitschwestern an und klatschte in die Hände, worauf augenblicklich gespenstische Ruhe entstand.

Nur das Bullern des Kaminofens durchdrang die Stille und die hohe, schneidende Stimme der Äbtissin.

Ach ja, Bruder Fredericus … ihr mürrisch säuerlicher Ausdruck fixierte seinen unübersehbaren Bauch. Fasten würde euch und eurer Gesundheit zuträglicher sein als dieses Gebräu. Sie wies auf einen der mitgebrachten Bierkrüge.

Dass ihr meinen Schwestern davon bringt mag ja noch angehen, aber dass ihr sie zum Fastenbruch verleitet. Sie deutete auf die Lebzelten … Da werde ich wohl ein ernstes Wort mit eurem Abt reden müssen.

Kein Wunder, dass die Äbtissin Koliken plagen. Sie ist wirklich ein unausstehlicher Griesgram, dachte sich Fredericus. Freundlich reichte er Geraldina ein Stück des frischen Gebäcks.

Mitnichten habe ich meine Schwestern im Herrn zu einer Sünde verleitet ehrwürdige Oberin. Wir alle waren nur um euer Wohl besorgt. Er deutete auf die Nonnen. Irmengard hat nach mir geschickt, weil euch doch die Koliken wieder plagen. Wir haben gemeinsam dieses medizinae opus pistorum valentissimum für euch entwickelt.

Kostet, es wird euch guttun. Der Verzehr von Arzneien ist auch während der Fastenzeit erlaubt, wie ihr wisst. Besonders Nelke und Zimt werden bei euch sichere Wirkung tun. Versucht es nur.

Fredericus reichte der Äbtissin einen Teigling. Wir nennen es Pfefferkuchen, wegen der Heil- Kräuter und Gewürze, die wir eingearbeitet haben. Geraldina beäugte das Backwerk skeptisch, eine neue Kolik kündigte sich an. Was hatte sie zu verlieren, vom Hunger den sie verspürte ganz zu schweigen.

Dann, …  Fredericus prustete vor Lachen. Er reichte seinen Brüdern ein weiteres Tablett mit den frischen Gewürzkuchen, denen sie gerne zusprachen ehe er seinen Bericht fortsetzte …

… Dann hat sie gleich noch zwei große Zelten verdrückt … und auf einmal … taten die auch ihre Wirkung; schneller als gedacht sag ich euch. Die Koliken verschafften sich lautstark Luft … Pfffffffrrrrrrrr …

Als ob der Teufel hinter ihr her gewesen wäre zischte die ehrwürdige Geraldina aus dem Refektorium. Aber drei Pfefferkuchen hat sie noch mitgenommen, ehe sie mit einem Gelobt sei Jesus Christus abrauschte.

Die Schwestern haben sich totgelacht, sag ich euch! Sie nennen meine Fastenkreation jetzt „Nonnenfürzchen“.

Eins bleibt jedenfalls sicher … … sinnierte der erfindungsreiche Mönch.

… Und das wäre, fragte Bruder Simon, ihr Novize.

Nur einem fröhlichen Arsch entweicht ein fröhlicher Furtz, meinte Fredericus.

Quoniam verum est frater, pflichteten ihm die anderen grinsend bei.