7. Adventsgeschichte

Das Fernrohr

Copyright Uwe Brandl Nov 17 Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg 

Das hab ich ja ewige Zeiten nicht gesehen. James O Tool, der Inhaber des kleinen Antiquitätengeschäfts in der 21 Straße kratzte sich verblüfft hinter den Ohren, die zum Großteil unter einer Baskenkappe versteckt waren.

Wie meinen Sie das, fragte Niklas Claus und musterte den Alten misstrauisch, dessen Gesicht zerfurcht verschroben wirkte und dessen grüne Augen listig, wissend funkelten.

Tante Mauhd hatte in hergeschickt, als er ihr von seinem Fund erzählt hatte. Vor vierzehn Tagen waren sie von der Ostküste gekommen und in Großvaters Haus gezogen. Gestern, als er den Dachboden nach ein paar brauchbaren Teppichen durchstöberte, war er auf den kleinen Lederkoffer gestoßen.

Der Dachboden der Villa war ein Mekka für Kunstliebhaber. Was sich hier über Generationen angesammelt hatte lies das Herz jedes Sammlers höherschlagen. Eine Fundgrube an Kostbarkeiten.

Schon als Junge hatte er mit seinen Cousins hier gerne gespielt. Sie waren Piraten, Ritter, Forscher und Abenteurer. Sie erlegten einen Löwen, dessen Fell sich einer der Mitspieler überzog, oder retteten Sue Ann, das Nachbarsmädel, in das sie alle verschossen waren vor dem fünf Meter langen Alligator der, an Seilen befestigt, von der Decke hing. Urgroßvater Nick sollte den angeblich am Nil mit bloßen Händen abgemurkst haben.

Es gab Dampfmaschinen, Eisenbahnen, Spieluhren, Puppen in jeder Art und Größe, Brettspiele und ein großes Beduinenzelt, ausgelegt mit Teppichen auf denen geheimnisvolle Schatullen und Kisten standen.

Genau einen dieser Teppiche wollte Niklas für das Wohnzimmer holen. Der riesige, handgeknüpfte und uralte Keshan würde gut zu der modernen Sitzgruppe passen, die er gestern mit Sue Ann gekauft hatte.

Sie waren diese Weihnachten seit genau 10 Jahren verheiratet, und er liebte sie wie am ersten Tag.  Nichts wurde ihr je zu viel, und sie hatte die feenhafte Gabe jedem das Gefühl von Geborgenheit, Zuversicht und innerer Zufriedenheit zu vermitteln. Dabei konnte die zierliche, blonde Sue ganz schön energisch sein, wenn es darauf ankam. Sie hatte es auch durchgesetzt, dass sie nach New York zurückgekommen waren. Es war Niklas nicht leicht gefallen seinen Job als Geschäftsführer bei Twoodies in San Franciso aufzugeben.

Aber FAO Schwarz in der fith avenue war nicht nur Drehort für Kevin allein in New York, sondern das Königreich der Kinderträume. Hier war er nun Chef der Entwicklungs- und Einkaufs- Abteilung. Sue Ann war für das Marketing zuständig.

Ihr beiden seid meine Idealbesetzung hatte Mr. Frederik Schwarz gemeint, als sie sich vor ein paar Wochen im Headquarter der Company vorgestellten, das im General Motors Tower residierte.

Der Zufall wollte es wohl, dass Cousin Melvin Anfang September nach China versetzt worden war. Sie konnten also in Grandpas Haus in New Arch ziehen, dass Niklas seinem Cousin Melvin und dessen Familie zur Miete überlassen hatte.  Sue Anns Eltern, die nur zwei Häuser weiter wohnten freuten sich riesig. Endlich würde die Familie wieder zusammen sein, … und die Hoffnung, dass sie doch noch Großeltern würden war nicht minder groß.

Wie es überhaupt zu dem Angebot gekommen war wusste Niklas nicht. Sue Ann hatte ihn eines Abends aufgeregt empfangen. Sie schwenkte mit einem Brief aus handgeschöpftem Büttenpapier. Wir beide sollen uns vorstellen, bei FAO Schwarz … ist das nicht phantastisch? Jetzt waren sie also hier … und mussten kurz vor Weihnachten neben der Hektik im neuen Job auch noch den Umzug meistern.

Er lud den zusammengerollten Teppich auf seine Schultern und stieg die Treppe hinunter.

Soll ich dir helfen? flötete ihm Sue entgegen.

Nö, lass mal, schaff ich. Aber Kaffee wär nicht schlecht.

Mach ich gleich … Ma hat vorhin frische Beagles gebracht. Er hörte sie mit dem Geschirr klappern. Er warf den Keshan auf den Boden und versetzte der Rolle einen Tritt. Mit einem hellen Klappern schlitterte ein Lederkistchen über das Eichenparkett. Es musste in dem Teppich eingewickelt gewesen sein. Neugierig hob er das etwa 50 cm lange schmale Behältnis auf und ging damit in die Küche.

Schau mal was ich gefunden hab. Er legte die Lederschachtel auf die Küchenanrichte. War im Teppich eingewickelt. Der macht sich übrigens echt gut im Wohnzimmer, meinte Niklas. Dann öffnete er die kunstvollen Verschlüsse und hob den Deckel.

Wie meinen Sie das, sie hätten das ewig nicht gesehen? fragte Niklas sein gegenüber nochmals. Peter O Toole wog das meisterhaft aus poliertem Messing gearbeitete und fein ziselierte Fernrohr in seinen Händen und lächelte … es ist also soweit, murmelte er.

Niklas verstand nur Bahnhof … er wollte doch nur wissen, ob es sich rentierte das Ding zu reparieren. Es musste schon einen gewissen Wert haben, wo es doch so sorgsam verpackt oder besser versteckt worden war, nahm er an.

Er und Sue Ann waren ziemlich überrascht gewesen, dass das Periskop zwar eine ehrwürdige Patina aufwies, aber kein Krümel Staub an ihm haftete.

Wow das muss ganz schön alt sein, hatte seine Frau bemerkt, als sie das Fernrohr vorsichtig aus seinem Bett aus rotem Samt gehoben hatte. Leider schien es aber nicht zu funktionieren. Denn wenn man durch das Okular blickte, zeigte sich nur ein bläulich wabernder Nebel, hinter dem sich etwas Helles zu verbergen schien, und da war noch eine rote, schemenhafte Gestalt. … Winkte die?

Noch am selben Abend hatte er seine Tante Mhaud angerufen. Die war schon steinalt. Sie war Grandpas jüngste Schwester und fünf, als der damals von hier auf jetzt spurlos verschwand. Vielleicht könnte ja sie weiterhelfen. Er konnte ihre Aufregung förmlich greifen, als er mit ihr telefonierte.

Junge, du musst zu Peter. Peter O Toole. Er ist ein Freund der Familie und weiß sicher Rat. Vielleicht erinnerst du dich an den kleinen Antiquitätenladen in der 21ten. Dein Dad war oft mit dir dort, als du noch klein warst. Niklas konnte sich nicht erinnern, aber gleich morgen würde er hingehen. Es war Samstag vor dem ersten Advent. Noch ehe Schwarz öffnete wollte er dort sein.

Jetzt stand er also hier. Die Luft in dem kleinen Laden roch geheimnisvoll und die Gegenstände, mit denen der Lagerraum zum Bersten gefüllt war konnten sicher spannende Geschichten erzählen. Und dieser O Toole, wie er so dastand, über das Fernrohr gebückt, das er schon fast zärtlich berührte, mit seinen überdimensionalen Ohren, die er zu Recht unter einer Mütze verbarg um die Kunden nicht zu erschrecken und seiner ungesunden fast grünlichen Hautfarbe. Wenn man an Märchen glaubte hätte man ihn wirklich für einen Elf halten können.

Du bist also Niklas Claus? Fragte O Toole.

Niklas bejahte verblüfft … er hatte seinen Namen nicht genannt. Sicher hatte ihn Tante Mhaud angekündigt. Ich denke das Fernrohr ist wertvoll nicht wahr?

Oh ja kicherte O Toole. Wir hatten schon Sorge es wäre … verschwunden. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wo er es deponiert hat.

Was faselte der Alte da? War er verwirrt? Können sie es reparieren, fragte Niklas.

Sicher, sicher kann ich das Master Nik, aber … O Toole stockte. … es ist gar nicht kaputt.

Natürlich ist es kaputt. Sehen Sie selbst durchs Okular. Nur bläulicher Nebel mit etwas winkendem Rotem dahinter.

Der Alte kicherte vergnügt, als Sue Ann den Laden betrat. Na Peter hast du? …

O Toole schüttelte den Kopf.

Ihr kennt euch?

Wir kennen uns alle tönte es aus der Tiefe des Ladens. Mhaud, Sues Eltern, seine Cousins, … die ganze Familie schien plötzlich in dem kleinen Geschäft versammelt zu sein. O Toole zog die Mütze vom Kopf … Niklas traute seinen Augen nicht … zum Vorschein kamen grünliche Ohren, die so spitz waren, dass sie nur …

Tante Mhaud übernahm das Regiment: Darf ich mich vorstellen, Peter O Tool, Leiter der Wunschannahmestelle und Vorsitzender des Elfenrates der Weihnachtsstadt.

Peter verbeugte sich. Angenehm, Master Nik, säuselte er amüsiert.

Das alles gibt es doch gar nicht, stammelte Niklas irritiert. Und du? …  er musterte Sue Ann fragend, die liebevoll nach seiner Hand griff.

Ich bin deine Frau, und eine … Fee … Wir … sie deutete auf ihre Familie. Wir wurden hergeschickt um dich auf deine große Aufgabe vorzubereiten.

Meine große was …?

Du bist ein Claus mein Lieber. Du wirst ab dem 6. Dezember der neue Santa sein. Dein Großvater setzt sich zur Ruhe. Geht nach Bali oder so. Und ich werde dich begleiten, als deine Frau. Du hast zwar viel gelernt, bei Twoodies und ein paar Jahre bei FAO Schwarz hätten sicher nicht geschadet, aber in der Weihnachtsstadt wirst du mich und meine Kräfte gut gebrauchen können. Das darf doch alles nicht wahr sein … Niklas war schwindelig, aber der kräftige Whiskey den ihm OToole verpasste riss ihn schnell zurück in eine Realität, die er nie für möglich gehalten hatte.

Mhaud reichte ihm das Teleskop. Als er durchblicke lichtete sich der Nebel und er sah die rauchenden Schlote, die bunten Häuser der Weihnachtsstadt.

Auf dem großen Platz stand vor einem Haus, dass fast aussah wie der Weihnachtsmann selbst ein Mann. Er trug einen weißen Bart und winkte ihm fröhlich zu. Seine Kleidung war rot und die samtene Hose steckte in warmen schwarzen Stiefeln. Niklas hatte keinen Zweifel. Das war sein Großvater, der ihm da mit einer einladenden Geste bedeutete endlich zu ihm zu kommen.

Niklas fühlte eine unglaubliche Freude und Aufregung in sich und hielt die Hand seiner Sue Ann fest. Das Fernrohr erstrahlte in hellgoldenem Licht und hüllte die beiden ein. Dann war es plötzlich dunkel in dem kleinen Laden.

O Toole hob das Messing Periskop vom Tisch und sah hindurch. Sie sind angekommen, bemerkte er lächelnd. Dann packte er das Fernrohr sorgsam in den mit Samt ausgeschlagenen Lederbehälter und reichte ihn Mhaud. Die alte Dame nickte.

Morgen würde sie ihren Großneffen Schwarz anrufen. Neffe Sam und Nichte Edwina würden Niklas und Sue Ann ersetzen und in Grandpa Nik´s Anwesen einziehen, bis … bis es wieder soweit war.

Aber jetzt, jetzt war erst einmal Zeit um ausgiebig zu feiern. Und wenn O Toole und seine Freunde etwas richtig gut konnten, dann war es genau das … voller Freude feiern und dabei wussten Sie einen guten Tropfen Irish Single Malt durchaus zu schätzen.

Du weißt was zu tun ist, prostete Peter O Toole Mahd zu. Und ihr, der Alte Elf wandte sich an Sue Anns Eltern, ihr werdet demnächst die fordernde Aufgabe bekommen, die nächste Generation der Santas großzuziehen.

Wir … Sue Anns Eltern umarmten sich ungläubig …

Genau, zwinkerte ihnen Mhaud zu, … ihr werdet euch um euren Enkel kümmern.

Den Kindern auf der ganzen Welt war, als ob Weihnachten in diesem Jahr etwas moderner und mit mehr drive daherkäme.  … Aber wie gesagt … es war ihnen wohl nur so … denn echte Tradition lässt sich doch nur sehr eingeschränkt verändern, … oder?