8. Adventsgeschichte

Das Mädchen mit dem goldenen Haar

Copyright Uwe Brandl Nov 17 Josef Stanglmeier Str. 4  93326 Abensberg

Vor langer Zeit lebte im Nirgendwo der Welt ein kleines Mädchen. Es war bettelarm aber dankbar für das Leben, dass ihr geschenkt war. Sie lebte mit ihren drei Geschwistern und den Eltern in einem kleinen Haus am Rande des Dorfes, das ihrem Gutsherren gehörte. Fast jeder arbeitete für Herrn von Sandheim, auch Heidemaries Vater. Er war Pferdeknecht auf dem Gestüt, das zum Anwesen gehörte. Die Mutter half, wie die älteste Schwester Gunda in der Küche und im Haushalt des Grundherrn. Der Baron war ein strenger Mann, aber er war auch gerecht.

Das Leben hatte es nicht gut mit ihm gemeint. Seine Frau war erst vor ein paar Jahren gestorben, nachdem sie Jonas geboren hatte. Der Bub war kränklich, aber das einzige was Sandheim geblieben war. Er sorgte sich sehr um ihn und wurde in seinem Kummer hart gegen sich und seine Mitmenschen.

Der Winter war ins Land gezogen, mit Schnee, Eis und schneidendem Wind. Trotz der Kälte war Heidemarie wie jeden Tag in den nahen Wald aufgebrochen um Holz zu sammeln. Das war ihre Aufgabe und sie erledigte sie gern. Sie liebte die Natur, die Bäume und die Tiere, die ihr das Herz aufgehen ließen. Summend und fröhlich stapfte sie durch den knietiefen Schnee und sammelte unter den mächtigen Tannen Altholz das dort, geschützt von den großen und starken Armen der Bäume, herumlag.

Das Mädchen war schon lange unterwegs, und das Holzbündel, das sie in der Kraxe trug schon ansehnlich angewachsen. Heidemarie war müde, der tiefe Schnee, und der lange Weg hatten Kraft gekostet. Unter einer uralten Blautanne, deren Äste fast bis zum Boden reichten fand sie ein schönes trockenes Plätzchen, an dem sie sich ausruhen wollte. Sie kroch unter die schützenden Holzarme des Baumes die die dicke Schneelast mühelos trugen und kuschelte sich an den knorrigen, uralten Stamm. Das Reisig auf dem sie saß war trocken, und weil der Schnee in den Ästen ein dichtes Dach bildete war es bald behaglich warm.

Heidemaries Augen wurden schwer und sie glitt hinüber in eine andere Wirklichkeit.

He du, wach auf es ist spät, deine Eltern suchen dich. Jemand zerrte unsanft an ihrem Haar, das glänzte wie Gold, wenn die Sonne es küsste. Erschrocken fuhr sie hoch. Neben ihr stand ein kleiner Wicht und starrte verdattert auf die Locken, die er in seinen Händen hielt.

Verzeih, das wollt ich nicht, aber du hast so tief geschlafen stammelte der Däumling.

Wer oder was bist du denn für einer? murmelte Heidemarie verstört und rieb sich den Kopf. Musst mir ja nicht gleich die Haare vom Kopf reißen. Wenn’s mir nicht so weh täte würde ich eh glauben, dass ich nur träume. So kleine Menschen wie dich gibt es doch gar nicht. Betrübt stocherte der Winzling im Reisig, dessen Nadeln er gut und gerne als Degen hätte nutzen können. Dabei drehte er verlegen an den goldene Haaren, die er immer noch in den Händen hielt.

Ich weiß, ich wünschte ich wäre so groß wie du. Er hatte es kaum ausgesprochen, da krachte sein Kopf schmerzhaft gegen den Ast über ihm. Was, wie … Heidemarie traute ihren Augen nicht. Neben ihr hockte ein junger Mann. Sein Barett war zerknautscht und er rieb sich die Stelle an der er mit dem harten Holz über ihm Bekanntschaft gemacht hatte. Der Däumling war verschwunden. Ich danke dir sehr hübsches Fräulein. Mein Freund der Baum hatte recht. Dein Haar ist wirklich zauberhaft … wie du … alles wird wahr nur mit einer deiner goldenen Locken. Aber … er zögerte, und ein trauriger Blick lag in seinen blauen Augen, die Heidemarie schwindelig machten. Dann drückte er ihr schnell einen Kuss auf die Wange.

Was war das? Heidemarie erwachte. Sie blickte nach oben in die grünen Zweige von denen sich Tauwasser löste. Ein Tropfen geschmolzener Schnee hat mich wachgeküsst. Sie wischte die seidige Feuchte von ihrer Wange. Gerade noch rechtzeitig wie mir scheint, es dämmert schon. Was für ein eigenartiger Traum, dachte sie, kroch nach draußen und sputete sich um mit ihrer voll beladenen Kraxe rechtzeitig zurück zu sein.

Gib gut acht auf dich mein Kind raunte ihr der Baum zu. Sie hörte es nicht.

Völlig erschöpft kam sie zu Hause an. Es war bereits dunkel. Die Späne und Äste prasselten munter in der offenen Feuerstelle und wenige Augenblicke später war die ganze Familie am großen Stubentisch versammelt und löffelte Kartoffelsuppe aus dem einzigen Blechtopf den sie besaßen. Dazu gab es Brot.

Nach dem Abwasch erzählte Heidemarie von ihrem eigenartigen Traum. Dein Haar ist wirklich golden wie die Sonne. Vielleicht auch ein Spiegel deiner guten Seele, aber Träume sind Schäume, sagte der Vater und strich seiner Tochter zärtlich durchs Haar. Nur Gernot, der Älteste grübelte stumm vor sich hin.

Als sie sich zu Bett gelegt hatten und schliefen, schlich er leise zur Schlafstelle der Schwester. Ohne einen Moment zu zögern riss er ihr behände ein paar Strähnen vom Haupt und schlich zurück zu seinem Strohsack. Dort drehte er die goldenen Locken um seine Finger und flüsterte. Ach wenn ich nur ein Goldstück besäße. Dann schlief er ein. Am nächsten Morgen staunte er nicht schlecht, als er ein faustgroßes Kohlestück unter seiner Schlafstatt fand. Aus irgendeinem Grund hatte der Zauber nicht das Ergebnis das er sich wünschte.

Jeden Abend schlich der böse Bruder an Heidemaries Bett und holte sich seine goldene Beute. Und jeden Morgen fand er ein Stück Kohle unter seinem Kissen. Ein Jahr ging das. Weihnachten stand vor der Tür. Heidemarie trug eine leinene Haube. Von ihrer goldenen Haarpracht war außer einer Strähne nichts mehr übrig. Sie war dennoch nicht verdrossen, herzlich zu ihren Geschwistern und Eltern und erledigte  jeden Tag ihre Pflichten, die ihr aufgetragen waren.

Wie vor einem Jahr stapfte sie mit der Kraxe beladen durch tiefen Schnee in den Wald um Brennholz zu sammeln. Als sie vor der mächtigen Blautanne stand, die neuerlich ein weißes Kleid trug, lächelte Heidemarie. Warum eigentlich nicht. Eine Rast würde ihr guttun. Sie schlüpfte unter die Zweige und staunte nicht schlecht. Am Baumstamm lehnte der Jüngling aus ihrem Traum. Neben ihm saß verstört und abgehärmt der Junge Baron Jonas von Sandheim. Man sah ihm an, dass er krank war.

Ich grüße dich schöne Heidemarie. Wir haben dich erwartet, sagte der Jüngling und bot dem Mädchen an sich zu Ihnen zu setzen. Du hast mir schon einmal geholfen und ich bitt dich herzlich jetzt meinem jungen Herrn das Gleiche zu tun.

Aber stammelte, das Mädchen. Es war doch nur ein Traum.

Nein, es war der Glaube an das Unmögliche entgegnete der Jüngling. Der junge Baron ist sehr krank und die Ärzte können ihm nicht helfen. Vielleicht aber kann es dein goldenes Haar. Bitte lass es uns versuchen, du bist unsere letzte Hoffnung.

Ich gäbe alles dafür, dass ihr gesund werdet junger Herr. Ohne Zögern nahm Heidemarie ihre Haube ab. Nur zu.  Nehmt und betet, dass es hilft. Es ist meine letzte Locke. Sie gehört euch.

Was … fragte der Jüngling bestürzt … was ist mit deinem goldenen Haar geschehen. Heidemarie erwiderte seinen fragenden Blick betrübt. Ach mein Bruder Gernot. Wir sind sehr arm und er hat sich so sehr ein Stück Gold gewünscht. Er hat es jede Nacht versucht aber sein Lohn war immer derselbe. Ein Stück Kohle … Ich hätte ihm so sehr vergönnt, dass sein Wunsch in Erfüllung geht. Vielleicht liegt’s ja an mir. So hab ich es ertragen, dass er sich eine Locke um die andere holt und gebetet, dass er bekommt was er verdient.

Das hat er auch, sagte der Jüngling und barg das weinende Mädchen in seinen starken Armen. Ich will, dass Herr Jonas wieder gesund wird flüsterte das Mädchen. Auf ein Nicken seines Gefährten zog der Junge Baron an der letzten Locke, wickelte sie um seinen Finger.

… Und ich will, dass Rosemarie ihr goldenes Haar wiederbekommt, sprach der junge Herr mit fester Stimme.  Da hörten sie die alte Tanne kacken und knistern vor Freude. Schnee und Holzstaub fiel auf sie herab, so dass sie die Augen schließen mussten. Als sich der feine Nebel gelegt hatte trauten sie ihren Augen nicht. Der junge Baron strotzte vor Lebenskraft und Andreas, wie sein junger Bursche hieß, klatschte vor Freude in die Hände als er die üppige goldene Lockenpracht sah, die das zauberhafte Gesicht seiner Heidemarie umspielte.

Noch vor Weihnachten gab es auf dem Gut ein rauschendes Hochzeitsfest. Andreas und Heidemarie lebten glücklich bis an ihr Ende und ab und an bewirkte eine goldene Locke und ein fester Glaube wahre Wunder.

Nur Gernot konnte niemand helfen. An dem Tag, als seine Schwester zusammen mit dem jungen Herrn und dessen Verwalter Andreas vom Holzsammeln zurückgekommen war, fanden sie Jonas verzweifelt in der Kate. Seine schwarze, wilde Mähne war verschwunden. Über Nacht war er kahl geworden und seine Hände … seine Hände waren pechschwarz, schwarz wie Höllenkohle.